Frauen im Asylverfahren

Frauen im Asylverfahren

Viele Frauen und M├Ądchen fl├╝chten aus ihrem Herkunftsland, weil sie wegen ihres Geschlechts besonderer Gewalt ausgesetzt sind. Wir setzen uns daf├╝r ein, dass spezifisch gegen Frauen gerichtete Verfolgungen im Asylverfahren Beachtung finden und deren spezifischen Bed├╝rfnissen bei Unterbringung und Betreuung Rechnung getragen wird.

Besonderer Schutzbedarf

Rund die H├Ąlfte aller Gefl├╝chteten weltweit sind Frauen und M├Ądchen. Neben Ursachen wie politisches Engagement, Glaube oder Zugeh├Ârigkeit zu einer spezifischen ethnischen oder sozialen Gruppe hat ihre Flucht oft auch mit Gr├╝nden geschlechtsspezifischer Art zu tun. Sie verlassen ihre Herkunftsl├Ąnder, weil sie Opfer von Zwangsheirat, Genitalverst├╝mmelungen, geschlechtsspezifischer Ausbeutungen, sexualisierter oder h├Ąuslicher Gewalt geworden sind oder durch solche ├ťbergriffe bedroht sind. Auch auf der Flucht sind vertriebene Frauen und M├Ądchen der Gefahr von Missbrauch ausgesetzt. Sie haben damit einen besonderen Schutzbedarf, der auch in Menschenrechtsvertr├Ągen und dem Schweizer Asylgesetz festgehalten ist.

Unterbringung und Betreuung

In der Schweiz werden Asylsuchende w├Ąhrend des Asylverfahrens in Kollektivunterk├╝nften untergebracht. In diesen leben Frauen, M├Ąnner und Familien auf engstem Raum zusammen. Das Postulat Feri vom 09. Juni 2016 gab den Anstoss f├╝r wichtige Ver├Ąnderungen in den Kollektivunterk├╝nften, um sie f├╝r Frauen und M├Ądchen sicherer zu machen. Dies betrifft insbesondere den Bereich der Unterbringung. Zentral sind hier die Garantie von sicheren Wegen zu den Sanit├Ąranlagen, abschliessbare Einzelduschen und die Schaffung von individuellen R├╝ckzugsm├Âglichkeiten.

Grunds├Ątzlich k├Ânnen sich die Bewohnerinnen der Kollektivunterk├╝nfte bei Problemen jederzeit an die Betreuenden oder das Sicherheitspersonal wenden. Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und Sprachbarrieren kann diese M├Âglichkeit allerdings nicht immer ausgesch├Âpft werden. Betroffene Frauen ben├Âtigen Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Oft verhalten sie sich zur├╝ckhaltend und werden so mit ihren spezifischen Bed├╝rfnissen durch die Betreuungspersonen nicht gen├╝gend wahrgenommen.

Nicht alle Massnahmen des Postulats Feri sind allerdings bereits vollst├Ąndig umgesetzt. Dazu z├Ąhlt ein umfassendes Schulungsprogramm f├╝r alle in den Bundesasylzentren t├Ątigen Personen zu den besonderen Bed├╝rfnissen von Frauen und M├Ądchen, welches f├╝r das Jahr 2022 geplant ist. Ebenso wurden gewisse Leitlinien f├╝r die Betreuung aller Personen mit besonderen Bed├╝rfnissen noch nicht erarbeitet.

Medizinische Versorgung und Gesundheit

Bei der Ankunft in den Kollektivunterk├╝nften wird eine medizinische Erstkonsultation durchgef├╝hrt. Auch haben die asylsuchenden Frauen grunds├Ątzlich jederzeit Zugang zur Krankenstation der Unterkunft. Hierbei wirken die Gesundheitsfachpersonen in den Zentren als Filter f├╝r den Zugang zu psychiatrischer und physischer Versorgung. Um angemessene Unterst├╝tzung f├╝r betroffene Frauen gew├Ąhrleisten zu k├Ânnen, ben├Âtigen Fachpersonen gen├╝gend zeitliche, personelle und fachliche Ressourcen.

Asylverfahren

Das Schweizer Asylrecht verpflichtet die Beh├Ârden, frauenspezifischen Fluchtgr├╝nden Rechnung zu tragen. In der Praxis werden jedoch speziell gegen Frauen gerichtete Verfolgungsmassnahmen wie h├Ąusliche und sexuelle Gewalt oder Menschenhandel nicht immer als glaubhaft erachtet. Ungenauigkeiten, Widerspr├╝che und Ungesagtes werden nicht auf eine Traumatisierung zur├╝ckgef├╝hrt, sondern als Unwahrheit abgetan.

Bei Hinweisen auf geschlechtsspezifische Verfolgung besteht das Recht von Frauen und M├Ądchen auf Anh├Ârung durch ein reines Frauenteam. In der Praxis wird dies nicht immer umgesetzt, was damit zusammenh├Ąngt, dass solche Hinweise vor Beginn der Anh├Ârung oftmals nicht vorliegen, da sich die betroffenen Frauen z.B. in Anwesenheit von m├Ąnnlichen Personen nicht trauen, ├╝ber geschlechtsspezifische Motive zu sprechen.

Daf├╝r setzen wir uns ein

  • Frauen und M├Ądchen m├╝ssen sich in den Kollektivunterk├╝nften sicher f├╝hlen. Dazu tragen die Massnahmen, die aufgrund des Postulats Feri umgesetzt wurden, massgeblich bei. Wir setzen uns daf├╝r ein, dass diese Massnahmen auch k├╝nftig konsequent und im Sinne der betroffenen Frauen und M├Ądchen umgesetzt werden.
  • F├╝r betroffene Frauen ist es schwierig, ├╝ber die ihnen widerfahrene, geschlechtsspezifische Gewalt zu sprechen. Es ben├Âtigt deshalb in Umsetzung des Postulats Feri eine Sensibilisierung und obligatorische Schulung des gesamten Betreuungs- und Sicherheitspersonals zu geschlechtsspezifischer Gewalt und Traumata. Zudem ben├Âtigt es standardisierte Abl├Ąufe und Zust├Ąndigkeiten zur Identifizierung, Unterst├╝tzung und zum Schutz gewaltbetroffener Frauen. Es muss immer mindestens eine weibliche Ansprechperson beim Betreuungs- und Sicherheitspersonal gew├Ąhrleistet sein.
  • Traumatisierte Frauen ben├Âtigen schnellstm├Âgliche Unterst├╝tzung, da ein hinausz├Âgern der Behandlung ihr Leiden akut verschlimmern kann. Es bedarf deshalb ausreichend medizinisches Personal in den Kollektivunterk├╝nften, welches ├╝ber gen├╝gend zeitliche Ressourcen verf├╝gt und zu den Themen geschlechtsspezifische Gewalt sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit geschult ist und dadurch einen raschen, angemessenen Zugang zur notwendigen psychischen und physischen Gesundheitsversorgung sicherstellen kann.
  • Die Anh├Ârung im Asylverfahren ist eine Stresssituation. Damit betroffene Frauen ihre Asylgr├╝nde benennen k├Ânnen, m├╝ssen SEM-Mitarbeitende, Dolmetscher*innen und Rechtsvertreter*innen auf geschlechtsspezifische Verfolgung spezialisiert sein und die Anh├Ârung entsprechend gestalten. Die Anh├Ârung sollte bei Hinweisen auf geschlechtsspezifische Verfolgung immer durch ein Frauenteam durchgef├╝hrt werden.