Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH
Was finde ich im Archiv fĂŒr Zeitgeschichte zur Schweizer FlĂŒchtlingsgeschichte?
Gregor Spuhler: Das Spannende ist die Vielfalt von Dokumenten aus privatem Besitz zur Geschichte der Schweiz im 20. und 21. Jahrhundert. Damit kann in ErgĂ€nzung zur staatlichen Ăberlieferung ein Thema auch aus der Perspektive nicht-staatlicher Akteurinnen und Akteure erforscht werden.
Gaby Pfyffer: Im AfZ können Sie grosse BestĂ€nde von FlĂŒchtlingsorganisationen wie der SFH oder dem Verband Schweizerischer JĂŒdischer FĂŒrsorgen (VSJF) sichten sowie kleinere, zum Teil fragmentarisch erhaltene BestĂ€nde wie zum Beispiel diejenigen der Schweizerischen ökumenischen FlĂŒchtlingshilfe (SOEF) oder der Freiplatzaktion ZĂŒrich. Dazu kommen NachlĂ€sse engagierter Persönlichkeiten im FlĂŒchtlingsbereich wie Gertrud Kurz, «Mutter der FlĂŒchtlinge» oder «FlĂŒchtlingspfarrer» Paul Vogt, Sammlungen von Presseausschnitten und weitere gedruckte Unterlagen zu den Themen Asyl und Flucht.
Wie sind diese BestĂ€nde im Rahmen der gesamten Forschung zur schweizerischen Asyl- und FlĂŒchtlingsgeschichte einzuordnen? Welche Bedeutung haben sie?
Gaby Pfyffer: Die FĂŒlle und Verschiedenheit der ĂŒbergebenen Quellen, die dem AfZ entweder von Einzelpersonen oder von Institutionen und Organisationen anvertraut worden sind, ergeben im Gesamten ein sehr differenziertes, vielfĂ€ltiges Bild zu diesem Thema. Solche verlĂ€sslichen Quellen sind wertvoll und wichtig, weil sie die damalige Denkweise widerspiegeln. Es sind Vergangenheitsspeicher, die uns helfen nachzuvollziehen, weshalb in einem gewissen Zeitraum gewisse Entscheidungen und Handlungen vollzogen wurden.
Was sind die Besonderheiten der SFH-Archivalien?
Gaby Pfyffer: Die SFH ist als Dachverband der Hilfswerke und Organisationen im FlĂŒchtlingsbereich eine gesamtschweizerisch tĂ€tige Organisation. Die Archivalien zeigen ihre politische Arbeit im Diskurs mit dem Bund, den Kantonen und der Gesellschaft, ihre Lobbyarbeit fĂŒr FlĂŒchtlinge und die Produktion von Wissen, um ĂŒberhaupt agieren zu können. Die SFH eignete sich selbst unter anderem mittels Themendossiers und Presseausschnittsammlungen Wissen an, beispielsweise zur Unterbringung und zur Arbeitsintegration von FlĂŒchtlingen oder zu politischen Vorstössen wie den Ăberfremdungsinitiativen. Die Akten sind sehr vollstĂ€ndig und ermöglichen eine durchgehende Forschung ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum hinweg. Zudem ist die Vielfalt der Quellenarten wie GeschĂ€ftsakten, diverse Publikationen fĂŒr die öffentliche Sensibilisierung, Fotografien, Tondokumente und Filme besonders interessant.
Ist es heute noch sinnvoll, Akten von Organisationen wie der SFH so lange aufzubewahren?
Gregor Spuhler: Ohne Archive gĂ€be es keine seriöse Geschichtswissenschaft, sondern Legenden und Mythen. Archive sind ein fester Bestandteil einer Demokratie, es gibt dazu klare gesetzliche Grundlagen. Sie sind unentbehrlich fĂŒr die Suche nach AuthentizitĂ€t, also nach Echtheit und Wahrheit.
Was ist der Mehrwert davon und fĂŒr wen?
Gregor Spuhler: Nehmen wir das Beispiel der «Bergier-Kommission», die die VorwĂŒrfe gegen die Schweiz betreffend mögliche, zurĂŒckbehaltene Vermögenswerte von Opfern und TĂ€tern des Naziregimes wissenschaftlich abzuklĂ€ren hatte. Die Schweiz stand 1996 wegen der nachrichtenlosen Vermögen international stark unter Druck. FĂŒr diese Aufgabe war die ZugĂ€nglichkeit der Akten fĂŒr eine umfassende Untersuchung der Rolle der Schweiz wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs entscheidend. Damals verordnete der Staat die Ăffnung und den Zugang der «UnabhĂ€ngigen Expertenkommission Schweiz â Zweiter Weltkrieg» zu allen relevanten Archiven und Akten. Das Ergebnis war eine wissenschaftlich abgestĂŒtzte Einordnung der schweizerischen staatlichen und privaten Akteure und ihrer Handlungen wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs. Dank der vorbehaltlosen Ăffnung und Untersuchung der Archive konnte die Schweiz sich auch international wieder rehabilitieren.
Was sind heute die Herausforderungen fĂŒr Archive wie das AfZ?
Gregor Spuhler: Eine grosse Herausforderung sind der digitale Wandel und die QualitĂ€t solcher Akten aus privatem Besitz, also Festplatten, E-Mails, Datenbanken usw. in Formaten, die sich laufend verĂ€ndern. Um diese zugĂ€nglich zu machen, braucht es neue Software, mĂŒssen neue Tools entwickelt wie auch SpeicherplĂ€tze zugekauft und gesichert werden. Die KlimaerwĂ€rmung fördert Kleinorganismen, die die Papierarchivalien gefĂ€hrden, also braucht deren Konservierung neue Lösungen. Allgemein wĂ€chst das Archiv. Organisationen wie economiesuisse produzieren weiterhin archivwĂŒrdige Dokumente. Und zu einem Nachlass wie jenem von Carl Lutz, der als Schweizer Diplomat in Budapest tausende JĂŒdinnen und Juden rettete, können auch Jahre spĂ€ter noch Nachlieferungen kommen. Magazinraum und digitaler Speicher sind also fĂŒr alle Archive ein Thema.
Wie steht es mit der Finanzierung des Archivs fĂŒr Zeitgeschichte?
Gregor Spuhler: Als Organisationseinheit der ETH werden wir primĂ€r vom Bund finanziert. Diese Mittel sind wiederum von Parlamentsentscheiden abhĂ€ngig. Allerdings stammen rund 40 Prozent unseres jĂ€hrlichen Budgets aus Drittmitteln, die wir ĂŒber Stiftungen, durch BeitrĂ€ge von Organisationen und Spenden generieren mĂŒssen.
Wenn man unterschiedliche FlĂŒchtlingsgruppen der letzten Jahrzehnte vergleicht, auch im Hinblick auf die jeweilige Stimmung in Politik und Gesellschaft, was sind Gemeinsamkeiten und was sind die Unterschiede?
Gregor Spuhler: Bis Ende der 1960er Jahre definierte der Bund die FlĂŒchtlingsaufnahme ĂŒber Kontingente, in erster Linie fĂŒr Menschen aus den Ostblockstaaten. Im Zeichen des Kalten Kriegs stiessen die GeflĂŒchteten aus Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei in der schweizerischen Gesellschaft auf hohe Akzeptanz. Das Ă€nderte sich ab den 1970er Jahren mit den ersten FlĂŒchtlingsgruppen aus aussereuropĂ€ischen Gebieten, was insbesondere 1973 die chilenischen und ab den 1980er Jahren die sri-lankischen Schutzsuchenden zu spĂŒren bekamen.
In den 1970er Jahren schĂŒrten rechtsnationale und politische Gruppierungen, Einzelpersonen wie James Schwarzenbach, aber auch Medienkampagnen gezielt die Ăngste vor «Ăberfremdung».
Gregor Spuhler: Die Abwehrreflexe, die zu Ăngsten und ab den 1970er Jahren zur Ablehnung von schutzsuchenden Menschen aus aussereuropĂ€ischen Gebieten fĂŒhrten, haben meiner Ansicht nach auch viel mit der geografischen Ferne und dem gesellschaftlichen Wissensstand ĂŒber diese Konfliktgebiete zu tun. So stiessen FlĂŒchtlinge aus Ex-Jugoslawien in den 1990er Jahren oder aktuell aus der Ukraine auf eine hohe Akzeptanz, waren und sind doch die entsprechenden Kriege bei uns direkt wahrnehmbar. AussereuropĂ€ische Kriege einordnen zu können, dazu die oft sehr komplexen Fluchtgeschichten betroffener Schutzsuchender zu verstehen, das scheint viele Menschen zu ĂŒberfordern.
Was leisten Archive fĂŒr die aktuelle Asylpolitik, fĂŒr die Debatten um Flucht und Asyl?
Gaby Pfyffer: Historische Dokumente können zur Versachlichung eines Themas beitragen. Sie schaffen faktengestĂŒtzte Grundlagen fĂŒr die Debatten. Zum Beispiel hat die Historikerin Tiphaine Robert in ihrer Dissertation ĂŒber die ungarischen GeflĂŒchteten in der Schweiz herausgefunden, dass ca.10 Prozent nach kĂŒrzerer oder lĂ€ngerer Zeit in der Schweiz wieder ins kommunistische Ungarn zurĂŒckgekehrt sind â eine erstaunliche Erkenntnis, die nur möglich war, weil sich die Forscherin mit den Grundlagen, den PrimĂ€rquellen, befasst hat. Darunter unter anderem Materialien aus dem Archiv der SFH.
Gregor Spuhler: Sie verleihen aktuellen Diskussionen historische Tiefe. Erwerbsverbot und Arbeitsintegration, Unterbringung von FlĂŒchtlingen bei Privaten oder in KollektivunterkĂŒnften, VerschĂ€rfung von Grenzkontrollen und Ausschaffungen, Konflikte zwischen Bund und Kantonen: das sind ja alles Dauerbrenner, und ein Blick in die Archive zeigt, was wie funktionierte und was es fĂŒr die verschiedenen staatlichen und privaten Akteure â inklusive der FlĂŒchtlinge! â bedeutete.
Kann die Arbeit mit Archivalien helfen, geschichtliche wie auch heutige Ereignisse besser zu verstehen?
Gregor Spuhler: Man sagt gemeinhin, die Kenntnis der Vergangenheit hilft die Gegenwart zu verstehen. Mittlerweile denke ich, es verhĂ€lt sich vielleicht auch umgekehrt. Mir war bei meiner BeschĂ€ftigung mit Deutschland zwischen 1933 und 1935 nĂ€mlich immer schwer verstĂ€ndlich, dass sich so viele Deutsche von einem Typen wie Hitler ihr Heil erhofften, dass die Wirtschaftseliten sich so opportunistisch verhielten und dass die Opposition so chancenlos war. Die gegenwĂ€rtigen Ereignisse lassen vieles, was damals geschah, plötzlich als gar nicht mehr so fremd erscheinen. SelbstverstĂ€ndlich wiederholt sich Geschichte nicht, und die 1930er Jahre sind von unserer Gegenwart sehr weit entfernt. Und doch wĂŒrde ich sagen: Ja, die Arbeit mit Archivalien hilft nicht nur die Vergangenheit zu verstehen, sondern sie schĂ€rft auch unser Bewusstsein fĂŒr Entwicklungen und Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart.
SFH-Archivalien: Wer forscht was?
Im Zeitraum von 2010 bis 2025 betrafen 220 Recherchen die Materialien der SFH-BestĂ€nde. Pro Jahr forschten im Durchschnitt 12 Personen meist aus dem akademischen Bereich (78), aus der Lehre und Forschung (39), zu privaten Zwecken (30), fĂŒr eine eigene Publikation (25), zur amtlichen AbklĂ€rung (21), aus schulischen (9), journalistischen (8) oder aus unbekannten GrĂŒnden (10). Die Themen variierten stark, wobei Recherchen zu ungarischen GeflĂŒchteten, zur Geschichte der Schweiz und den jĂŒdischen FlĂŒchtlingen vor, wĂ€hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie in ebenfalls im Archiv aufbewahrten NachlĂ€ssen von JĂŒdinnen und Juden am meisten interessiert haben. Die Angaben basieren auf den AntrĂ€gen, die die Besucherinnen und Besucher selbst ausfĂŒllen.
Gregor Spuhler
Der promovierte Historiker leitet das Archiv fĂŒr Zeitgeschichte der ETH seit 2007. Er dissertierte mit seinen Forschungen ĂŒber «Frauenfeld. Geschichte einer Stadt im 19. und 20. Jahrhundert». Von 1997 bis 2001 war er einer der drei Projektleiter bei der UnabhĂ€ngigen Expertenkommission Schweiz â Zweiter Weltkrieg und schrieb als Co-Autor an den Bergier-Berichten, unter anderem dem FlĂŒchtlingsbericht, mit.
Gaby Pfyffer ist seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Archiv fĂŒr Zeitgeschichte. Die Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Geschichte arbeitet hauptsĂ€chlich in der Erschliessung von BestĂ€nden, darunter auch das SFH-Archiv.

