Iran: Ethnische und religiöse Minderheiten sind stark unter Druck

03. Oktober 2023

Bei ihrer Arbeit zu Iran stösst die SFH-LĂ€nderanalyse oft an Grenzen, weil die kritischen Stimmen in Iran repressiv unterdrĂŒckt werden. Kontakt mit auslĂ€ndischen Akteuren kann fĂŒr Menschen in Iran gefĂ€hrlich sein, vor allem wenn regierungskritische Informationen geteilt werden. Eine UNO-Expertengruppe untersucht die Vorkommnisse im Zusammenhang mit den Protesten in Iran. Ihre «Fact Finding Mission» hat die UNO entsprechend nicht in Iran, sondern in LĂ€ndern mit einer grossen iranischen Diaspora durchgefĂŒhrt. Auch die SFH-LĂ€nderanalyse muss fĂŒr kritische Themen oft auf Kontaktpersonen zurĂŒckgreifen, die nicht mehr in Iran leben. Zudem möchten die meisten Kontaktpersonen nur anonym Stellung beziehen, da sie negative Konsequenzen fĂŒr sich oder ihre Verwandten in Iran befĂŒrchten. Das folgende Interview mit einer Iranerin in der Diaspora erfolgte deshalb anonymisiert.

Interview: Frédérik Kok, SFH-LÀnderexperte und Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH

Wie schĂ€tzen Sie, Zahra (Name redaktionell abgeĂ€ndert), die Lage der Zivilbevölkerung in den iranischen StĂ€dten, insbesondere in Teheran, ein?

Das Leben im Iran ist schwierig geworden, vor allem aufgrund einer schweren Wirtschaftskrise, die durch internationale Sanktionen, aber auch durch wirtschaftliches Missmanagement und Korruption verschĂ€rft wird. Diese Krise trifft die Bevölkerung hart, einschliesslich der Mittelschicht, die MĂŒhe hat, ihre GrundbedĂŒrfnisse zu befriedigen. Die Inflation bereitet der Bevölkerung grosse Sorgen, da die Preise seit Anfang des Jahres um fast 50 Prozent gestiegen sind und die Löhne stagnieren. Viele in Teheran lebende Iranerinnen und Iraner haben heute Schwierigkeiten, ihre Mieten zu bezahlen und mĂŒssen sich damit abfinden, in die Aussenbezirke zu ziehen oder wieder bei ihren Eltern zu wohnen.

Vor diesem Hintergrund mussten die Behörden seit September 2022 akzeptieren, dass sie teilweise die Kontrolle ĂŒber den öffentlichen Raum verloren haben, und dass viele Frauen heute auf der Strasse kein Kopftuch mehr tragen. Eine Umkehr scheint schwierig, auch wenn der Schleier in BĂŒros und in der öffentlichen Verwaltung weiterhin vorgeschrieben ist. Angesichts dieses Ungehorsams haben die Behörden in diesem Jahr angekĂŒndigt, die Kontrollen zu verstĂ€rken, insbesondere durch die Installation von Überwachungskameras an öffentlichen Orten. Das Parlament hat ausserdem vor kurzem (20. September 2023) ein Gesetz verabschiedet, das hĂ€rtere Strafen fĂŒr Frauen vorsieht, die gegen das Gesetz verstossen. Neu drohen diesen Frauen bis zu zehn Jahren GefĂ€ngnis und sie mĂŒssen mit hohen Geldstrafen rechnen. Dieses Gesetz, das noch vom WĂ€chterrat bestĂ€tigt werden muss, wird wĂ€hrend einer dreijĂ€hrigen Probezeit gelten.

Hat sich die Gefahr seit letztem Jahr erhöht, wenn Sie an öffentlichen Demonstrationen teilnehmen?

Es ist immer noch sehr riskant, auf die Strasse zu gehen und an Demonstrationen teilzunehmen. Das blutige Vorgehen bei den Protesten nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 hat einen Teil der Bevölkerung entmutigt. Die Menschen wissen, dass mit Verhaftungen, Verschwindenlassen, willkĂŒrlichen Inhaftierungen, Folter und Mord gerechnet werden muss.

Im Vorfeld des Todestages von Jina Mahsa Amini nahmen die Behörden prÀventive Verhaftungen vor, die sich insbesondere gegen Angehörige von Personen richteten, die bei den Protesten getötet worden waren. Die Familie von Jina Mahsa Amini wurde daran gehindert, eine Zeremonie zum Gedenken an den ersten Todestag abzuhalten, und dem Vater wurde verboten, sein Haus zu verlassen.

Wer ist am meisten bedroht?

Jede und jeder, der an einer Demonstration teilnimmt, setzt sich einem hohen Risiko aus, festgenommen, misshandelt und zu einer langen GefÀngnisstrafe verurteilt zu werden. Selbst eine Person, die nicht daran teilnimmt, sondern sich lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet, kann ins Visier genommen werden.

In seinem Bericht vom MĂ€rz 2023 stellte der Sonderberichterstatter fĂŒr die Menschenrechtslage im Iran, Javaid Rehman, fest, dass ethnische und religiöse Minderheiten unverhĂ€ltnismĂ€ssig stark von der Repressionswelle nach den Protesten betroffen waren. Mehr als die HĂ€lfte, der seit Beginn der Proteste Getöteten, stammte aus Provinzen, die von Belutschen und Kurden bewohnt werden.

Gibt es noch eine zusammenhĂ€ngende Protestbewegung? Etwa im Untergrund oder ĂŒber die Diaspora im Ausland?

Die Protestbewegung nach dem Tod von Jina Mahsa Amini war eine spontane Volksbewegung, die nicht besonders organisiert war. Es fehlte an Koordination und FĂŒhrung. Die Proteste erreichten nicht die kritische Masse, die notwendig gewesen wĂ€re, um eine unmittelbare Bedrohung fĂŒr das Überleben des Regimes darzustellen, auch wenn dieses deutlich ins Wanken geriet. Die Bewegung war nicht in der Lage, ein konkretes politisches Programm und eine tragfĂ€hige Alternative zur Islamischen Republik anzubieten, die einen grösseren Teil der Bevölkerung davon hĂ€tte ĂŒberzeugen können, sich der Bewegung anzuschliessen.

WĂ€hrend die iranische Diaspora weitgehend mobilisiert wurde, um die Protestbewegung zu unterstĂŒtzen, insbesondere durch die Nutzung sozialer Netzwerke, zeigte sie auch organisatorische SchwĂ€chen und blieb politisch zwischen zahlreichen Gruppen gespalten.

Wie sehen Sie die Zukunft und was wĂŒrden Sie sich wĂŒnschen?

Obwohl die Protestbewegung von einem Regime, das sich im Amt halten konnte, gewaltsam niedergeschlagen wurde, besteht dennoch Grund zu Optimismus. Neben der Forderung der Frauen, sich so zu kleiden, wie sie wollen, ist die Protestbewegung vor allem ein Kampf um die Umschreibung der Gesetze und sozialen Normen, die den Platz der Frau in der iranischen Gesellschaft, aber auch in ihren Familien bestimmen.

Auch wenn das Regime keine ZugestĂ€ndnisse gemacht hat und die Gesetze nicht geĂ€ndert wurden, hat sich in der Gesellschaft ein Wandel vollzogen, mit Frauen, die deutlich gezeigt haben, dass sie nicht lĂ€nger akzeptieren, als BĂŒrgerinnen zweiter Klasse behandelt zu werden, und die ihre Rechte aktiv einfordern.

Die Protestbewegung hat auch die Kluft zwischen den politischen Institutionen und der Bevölkerung, insbesondere der jĂŒngeren Generation, vertieft. Ohne Zukunftsaussichten und mit dem Wunsch nach mehr Freiheiten verlassen viele junge Akademikerinnen und Akademiker das Land oder trĂ€umen davon, es zu tun. Auch wenn das politische System des Iran bis heute WiderstandsfĂ€higkeit und AnpassungsfĂ€higkeit bewiesen hat, wird es die wachsende Unzufriedenheit und die Forderungen seiner Bevölkerung nach VerĂ€nderung nicht ewig ignorieren können.

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