Ein Jahr neues Asylverfahren - «Ich habe meiner Rechtsvertretung von Anfang an vertraut»

02. MĂ€rz 2020

Seit 1. MĂ€rz 2019 wird das neue beschleunigte Asylverfahren umgesetzt, dem die Schweizer Stimmberechtigen 2016 zugestimmt haben. Die Redaktion des «Fluchtpunkt» hat mit einer geflĂŒchteten Person gesprochen, die das neue Verfahren noch in der Testphase in Boudry erlebt hat. Das Interview gibt einen Insiderblick auf die Umsetzung des neuen Asylverfahrens und dessen Wirkungen auf die Direktbetroffenen.

Die Auskunftsperson musste wegen AktivitĂ€ten fĂŒr Menschenrechte aus ihrem Herkunftsland flĂŒchten. Sie möchte anonym bleiben, um ihre Familie und Angehörigen nicht zu gefĂ€hrden.

Wie haben Sie das neue Asylverfahren in der Schweiz grundsÀtzlich erlebt?

Einerseits ist es gut, dass man theoretisch nach 140 Tagen weiss, ob man in der Schweiz bleiben kann oder nicht. Wenn der Asylentscheid jedoch negativ ausfĂ€llt, sind 140 Tage eher kurz, um eine Alternative zu organisieren. Denn man kann nicht mehr zurĂŒck in sein Herkunftsland, das man verlassen musste, weil man dort nicht mehr sicher war.

Aber leider gab es fĂŒr mich und viele andere auch schwierige Situationen: Man sollte sich wie in einem GefĂ€ngnis fĂŒhlen, die Unterbringung zusammen mit zwölf anderen Personen aus verschiedenen LĂ€ndern, und natĂŒrlich unterschiedlichen Kulturen, Temperamenten und Charakteren in einem Raum von 16 oder 20 Meter bedeutete keine PrivatsphĂ€re. Ist man so untergebracht, ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es unter den Leuten Streit gibt. Die Badezimmer waren ohne TĂŒren und man konnte nur zu fixen Zeiten duschen – einmal abends und einmal morgens innerhalb einer Stunde. Die Meisten mochten das Essen nicht, aber selber etwas zu bringen war verboten. Sogar SĂŒssigkeiten fĂŒr Kinder waren verboten. Manche Angestellten verhielten sich sehr grenzwertig und gaben den Menschen das GefĂŒhl, sie seien nicht geduldet und kriminell. Weil Boudry abseits liegt, wollten Viele am Wochenende aus dem Zentrum gehen. Sie brauchten also Fahrscheine, doch man erhielt nur alle zwei Wochen ein Ticket, was ungenĂŒgend war. Einige brauchten einen Doktor oder einen Spitalaufenthalt, aber das wurde nicht akzeptiert. Es gab keine Unterhaltungsmöglichkeiten, keine Ablenkung. Viele Menschen waren depressiv.

Welche Aspekte haben Sie im neuen Asylverfahren positiv erlebt?

Alles, was mit hÀngigen Asylverfahren zu tun hatte, wurde geheim gehalten und diskret behandelt, das empfand ich als sehr positiv. Auch die guten Beziehungen mit den meisten Mitarbeitenden und Verantwortlichen wÀhrend des Verfahrens waren hilfreich und angenehm.

FĂŒr mich war es wirklich positiv, dass mein Verfahren alles in allem nur 70 Tage gedauert hat. Nachdem ich mit einem humanitĂ€ren Visum in die Schweiz einreisen konnte, habe ich am 22. Januar 2019 in Vallorbe mein Asylgesuch eingereicht und am 15. Mai 2019 erhielt ich im Kanton Waadt den definitiven Asylentscheid, Gott-sei-Dank einen positiven! Zwei Tage nach dem ersten kurzen Interview in Vallorbe wurde ich zusammen mit anderen Asylsuchenden in einem kleinen Bus in das Bundesasylzentrum Boudry transferiert. Ein paar Tage spĂ€ter wurde ich ĂŒber die rechtliche UnterstĂŒtzung durch einen Anwalt oder eine AnwĂ€ltin aufgeklĂ€rt und durfte zwischen einem Mann oder einer Frau wĂ€hlen. Schon nach dem ersten Treffen mit meiner Rechtsvertretung fĂŒhlte ich mich sicher und wusste, dass ich ihr vertrauen kann. Das war eine positive und wichtige Erfahrung, Die Rechtsvertretung half mir enorm bei der Vorbereitung fĂŒr die langen Anhörungen, wo man die FluchtgrĂŒnde dokumentieren und beweisen muss. Wir haben zusammen am 15. Februar die erste Anhörung vorbereitet, die drei Tage spĂ€ter, am 19. Februar 2019 stattfand, und am 18. MĂ€rz die zweite Anhörung, die zwei Tage spĂ€ter, am 20. MĂ€rz 2019 auch in Boudry abgehalten wurde.

Was empfanden Sie als schwierig?

FĂŒr die Belegdokumente und das Beweismaterial war ich auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen. Im Bundesasylzentrum gab es zwar Internet, allerdings war die Verbindung sehr langsam, unzuverlĂ€ssig und hĂ€ufig unterbrochen. Das kostete viel Zeit an ComputerplĂ€tzen, die allen zur VerfĂŒgung stehen. Aber das grösste Problem ist meiner Ansicht nach die fehlende PrivatsphĂ€re. Wenn du ein Asylgesuch gestellt hast, brauchst du eine ruhige, konzentrierte AtmosphĂ€re. Du musst dich vorbereiten auf die Interviews, musst Beweismaterial recherchieren, du solltest ĂŒber deine aktuelle Situation aber auch ĂŒber deine Zukunftsperspektiven reflektieren können. Aber in allen Asylzentren herrschte eine unruhige, oft traurige Stimmung und du bist stĂ€ndig unter fremden Menschen. Sogar im Schlafraum gibt es nichts Privates; ich teilte den Raum mit elf anderen Frauen.
Die QualitĂ€t und das Verhalten der Übersetzerinnen war in meinem Fall sehr unterschiedlich: Die erste Person war barsch und dominant; die zweite Person war so jung, dass ich ehrlich gesagt ihre berufliche QualitĂ€t zunĂ€chst in Zweifel zog; die dritte Übersetzerin schliesslich empfand ich als eine kompetente Persönlichkeit, was mir wiederum mehr Sicherheit gab.
Am schlimmsten aber war fĂŒr mich der Rechtsvertretungswechsel



ein Wechsel der Rechtsvertretung mitten im Verfahren? Weshalb?

Am 28. MĂ€rz eröffnete mir meine Rechtsvertretung, dass zwar immer noch kein Asylentscheid eingetroffen sei, dass das aber nicht grundsĂ€tzlich negativ sein mĂŒsse. Vielleicht wĂŒrden die Behörden in meinem Fall noch etwas genauer abklĂ€ren; nun, die Befragerin des Staatssekretariats fĂŒr Migration (SEM) war sehr jung und wohl noch etwas unerfahren, dachte ich. Es gab zudem noch kaum Erfahrungswerte mit dem neuen Verfahren. Sollte bis in acht Tagen vom SEM keine Antwort eintreffen, so sagte mir meine Rechtsvertretung, dann so wĂŒrde ich einem Kanton zugeteilt. Genau so war es dann auch: Meine Rechtsvertretung gab mir am 2. April 2019 mein Dossier in die Hand und ich musste mit dem Zug nach Lausanne fahren.

Dann bekamen Sie also eine neue, kantonale Rechtvertretung?

Als mir meine Rechtsvertretung eröffnete, dass von jetzt an eine neue Person fĂŒr mich zustĂ€ndig sei, war das ein grosser Schock fĂŒr mich. Sie hat mir die GrĂŒnde dafĂŒr genau erklĂ€rt, dass nun der Kanton Waadt fĂŒr meinen Fall verantwortlich sei und so weiter. Ich konnte das zwar verstehen, trotzdem war ich zutiefst schockiert; GefĂŒhle der Unsicherheit und des Zweifels kamen hoch, ich hatte Angst und konnte mir ĂŒberhaupt nicht vorstellen, Vertrauen zu einer neuen Rechtsvertretung aufbauen zu können. Ich habe die neue Rechtsvertretung dann gar nie getroffen, bei Fragen rief ich immer meine ehemalige Rechtsvertretung an.

Wie haben Sie die UnterkĂŒnfte erlebt?

Uff, das war schwierig fĂŒr mich. In Boudry teilte ich das Zimmer mit elf anderen Frauen, alle aus verschiedenen LĂ€ndern mit einem anderen Hintergrund und unterschiedlichem Verhalten. Einige waren aggressiv und unruhig, andere depressiv und krank, viele hatten psychische Probleme.
Die sanitĂ€ren Anlagen fĂŒr Frauen waren ungenĂŒgend geschĂŒtzt, es gab keine TĂŒren und man hatte bloss einen Duschvorhang als Schutz, wie schon gesagt. Ich fĂŒhlte mich sehr unwohl und hatte auch ein wenig Angst. Es gab nur eine Waschmaschine fĂŒr alle und dazu einen unflexiblen Zeitplan: Du bekamst einen Tag zugeteilt, wenn du aber genau dann ein Interview oder einen anderen Termin hattest, war es vorbei und du musstest wieder eine Woche warten. Alles in allem vermisste ich in allen Zentren die Möglichkeit, sich an einen ruhigen Ort alleine zurĂŒckziehen zu können.

Im Kanton Waadt lebte ich zusammen mit einer Afrikanerin in einem kleinen Raum wiederum ohne PrivatsphÀre. Es war jedoch besser als die Situation in Boudry mit elf anderen Frauen. Als ich dann den definitiven Asylentscheid erhielt, sagten mir viele, jetzt beginnen auch viele Probleme: zum Beispiel eine Wohnung zu finden, wenn man neu ist in der Schweiz und nicht Französisch spricht.

Haben Sie das GefĂŒhl gehabt, stets genĂŒgend informiert zu sein ĂŒber den Ablauf des Verfahrens und die einzelnen Schritte?

In Boudry fĂŒhlte ich mich gut informiert und sicher mit meiner Rechtsvertretung. Nach dem Transfer in den Kanton kam ein GefĂŒhl der Unsicherheit auf, bis ich dann wieder Vertrauen fand in die Leitung des neuen Asylzentrums.

Wie haben sich die Behörden Ihrer Ansicht nach verhalten?

Die meisten SEM-Behörden waren recht jung. Ich fragte mich manchmal schon, wie sie eine solche verantwortungsvolle Aufgabe meistern können. Wie auch immer, die Behörden haben sich stets korrekt verhalten und ihre Arbeit professionell gemacht.

Wie haben Sie das Tempo des neuen Verfahrens erlebt?

Ich denke, schnelle Verfahren sind gut. Man weiss rasch, wie die Situation im eigenen Fall aussieht. FĂŒr mich bedeutete es ein Ende der Stresssituation und der Ereignisse, denen ich ausgesetzt war. NatĂŒrlich fĂŒhrt das Tempo eigentlich zu mehr Stress wegen des intensiven Verfahrens. Aber es ermöglichte mir eben auch, frĂŒh mit dem neuen Leben zu beginnen, mich in der neuen Gemeinschaft zu engagieren und gleichzeitig das schwierige Leben in den Asylzentren hinter mich zu lassen, wie gesagt, ein Leben ohne PrivatsphĂ€re und ohne Komfort.

Ist das Verfahren Ihrer Ansicht nach genug fair auch wenn es beschleunigt ist?

Als meine Anhörungen vorbei waren, ging es trotzdem lĂ€nger als die gesetzlich vorgesehenen acht Tage bis zu einem Entscheid. Also wurde ich in den Kanton Waadt transferiert um zu warten. Schlimm war fĂŒr mich, nicht zu wissen, auf was ich zu warten hatte. Auf eine Entscheidung? Auf einen neuen Termin fĂŒr eine weitere Befragung? Ich wusste es nicht und niemand wusste es, weil es ein neues Gesetz ist und weil wir uns in einer Testphase fĂŒr diese neuen Verfahren befanden. Andererseits sah ich viele FĂ€lle, die sehr rasch bearbeitet wurden, weil die Personen aus KriegslĂ€ndern kamen.

Wie haben Sie die rechtliche UnterstĂŒtzung und Begleitung erlebt?

Ich empfand sie als fair und sehr gut. Ich vertraute meiner Rechtsvertretung von Anfang an und fĂŒhlte mich sicher. Wie auch immer, eine Rechtsvertretung mitten in einem laufenden Verfahren wechseln zu mĂŒssen, finde ich grundsĂ€tzlich eine schwierige Situation fĂŒr eine asylsuchende Person. Du fĂŒhlst dich in dieser Situation ja bereits unter Druck, unsicher und brauchst eine Perspektive. Die Rechtsvertretung ist auch deshalb eine wichtige Person fĂŒr einen Asylsuchenden. Du baust eine Vertrauensbeziehung auf, du bist abhĂ€ngig von ihrer Kompetenz, sie ist eine Art Pilot fĂŒr dich in einem System, das du nicht kennst.

Was hat Sie ĂŒberrascht im neuen Verfahren?

Vor allem die UnterkĂŒnfte! In einem Zentrum zu leben ohne Privatheit, weggeschlossen und isoliert von der Schweizer Bevölkerung mit Strukturen wie in einem MilitĂ€rcamp! Die guten Absichten und die gewollten positiven Effekte des neuen Verfahrens gehen wegen dieser negativen Aspekten aber auch dem Wechsel der Rechtsvertretung wĂ€hrend des laufenden Verfahrens verloren, das ist schade.

Was hat Ihnen am meisten geholfen wÀhrend des Verfahrens?

Neben der Rechtsvertretung war es wichtig, dass die Behörden und die meisten Personen der beteiligten Organisationen freundlich und kompetent waren. Ich werde nie mehr vergessen, wie warm mich die Rezeptionistin in Vallorbe empfangen hat: Sie sah meinen Pass, lĂ€chelte und erklĂ€rte mir dann alles in meiner Muttersprache. Ein paar Monate spĂ€ter traf ich sie zufĂ€llig in Lausanne und es war ein so gutes GefĂŒhl, dass sie sich auch noch an mich gut erinnern konnte.

Was könnte Ihrer Ansicht nach verbessert werden?

Menschen im Asylverfahren brauchen mehr PrivatsphĂ€re. Sie befinden sich in einer stressigen Situation, sie brauchen einen ruhigen, ungestörten Ort um ĂŒber ihre aktuelle Situation zu reflektieren, um ihre Zukunft zu planen, um sich auf die Interviews vorzubereiten, um die fremde Sprache zu lernen. Es wĂ€re hilfreich, in kleineren Zimmern untergebracht zu sein, wenn möglich auch alleine. Die SanitĂ€ranlagen fĂŒr alleinstehende Frauen und Familien waren zu diesem Zeitpunkt inakzeptabel, wĂŒrdelos und gefĂ€hrlich. Zudem wĂ€re es sicher hilfreich, der Schweizer Bevölkerung darunter den vielen Freiwilligen, mehr Zugang in die Zentren zu erlauben. Es gibt viel pensionierte LehrkrĂ€fte oder Engagierte in den Kirchen, die Asylsuchende gerne mit Sprachkursen, bei der Kinderbetreuung und bei vielem mehr unterstĂŒtzen möchten.

Interview: Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische FlĂŒchtlingshilfe (SFH)

90 Jahre SFH – 90 Jahre FlĂŒchtlingsschutz

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