50 Jahre Hilfswerkvertretung: Zwei HWV erzÀhlen aus der Praxis

20. August 2018

Seit fĂŒnfzig Jahren sind die Hilfswerkvertreterinnen und -vertreter bei Anhörungen im Asylverfahren prĂ€sent. Sie beobachten, wie es Schutzsuchenden wĂ€hrend der Befragung geht, hören mit und intervenieren, wenn etwas nicht fair oder korrekt ist.

Wie nehmt ihr eure Aufgaben und eure Rolle als HWV wahr?

Nazli: Ich verhalte mich beobachtend und neutral, achte darauf, dass es dem Gesuchsteller gut geht und eine angenehme AtmosphĂ€re herrscht. Im Interesse des Gesuchstellers kann ich Fragen stellen, EinwĂ€nde vorbringen und im Protokoll vermerken lassen, wenn seine Rechte eingeschrĂ€nkt werden, zum Beispiel eine geschlechterspezifische Anhörung nötig ist, sein Gesundheitszustand kritisch ist oder die Befragung ohne Pausen zu lange dauert.

Annette:Es ist wichtig, dass wir HWV gewÀhrleisten, dass die Interviews korrekt ablaufen und niemand unter Druck gesetzt wird. Die Vorgaben dazu sind klar, ich muss selten intervenieren, achte aber sehr auf die Genauigkeit der Anhörungsprotokolle und darauf, dass ich selber meine Kurzberichte sorgfÀltig verfasse.

Wie kommen ihr mit der HWV-Rolle klar? Gibt es Vor- und Nachteile?

Nazli: Es ist schon recht schwierig, eine neutrale Haltung zu bewahren und gleichzeitig im Interesse des Gesuchstellers zu handeln. Ich kann ihm ein GefĂŒhl des VerstĂ€ndnis vermitteln, Empathie und versuchen, Vertrauen aufzubauen, das erleichtert seine Situation etwas. Oft sind die Fluchtgeschichten sehr traurig. Ein Vorteil ist, dass man selber viel ĂŒber die HerkunftslĂ€nder erfĂ€hrt, Informationen aus erster Hand ĂŒber die Situation dort und die Flucht bekommt und viele unterschiedliche Menschen von der Professorin bis zu Wanderarbeiter kennenlernt.

Annette: Ich komme gut damit klar, vielleicht auch, weil man in diesem Bereich im Alter eher Respekt erfĂ€hrt? Es ist nicht immer einfach zu intervenieren, weil dies als Blossstellung aufgefasst werden kann. Je nach Standort ist das Klima recht unterschiedlich, einmal familiĂ€r, einmal eher distanziert. Der mögliche Nachteil, bei familiĂ€rer AtmosphĂ€re keine Distanz zu haben, erweist sich in der Praxis oft als verfahrensökonomischer Vorteil: Interventionen sind rasch geklĂ€rt, weil die Akteure sich vertrauen.

Wie seid ihr zu dieser Arbeit gekommen?

Nazli: Kolleginnen an der UniversitĂ€t erzĂ€hlten mir davon.

Annette:Eine Studienkollegin arbeitete stellvertretend als HWV-Koordinatorin und fragte mich an. Ich ging mit an eine Anhörung und das hat mich sofort interessiert.

Was ist deine Motivation fĂŒr diese Arbeit, die auf Abruf und unregelmĂ€ssig erfolgt, und deshalb kaum ein Existenz sicherndes Einkommen garantiert?

Nazli: Das hat mit meiner eigenen Geschichte als tĂŒrkische Seconda zu tun. Ich bin in einem sehr politischen Elternhaus aufgewachsen. Ich möchte gerne spĂ€ter als Juristin im Asylbereich arbeiten und kann so wichtige Erfahrungen sammeln.

Annette: Damals mit noch drei kleinen Kindern war das fĂŒr mich eine ideale Arbeit, die ich gut mit der Familie vereinbaren konnte. Es ist mir wichtig, auf diese Weise fĂŒr ein faires und gesetzeskonformes Asylverfahren beitragen zu können. Und natĂŒrlich schwingt stets Empathie und Interesse an anderen LĂ€ndern und Kulturen mit.

Wieviele EinsÀtze hast du bis jetzt gehabt?

Nazli: Im Durchschnitt sind es zwei bis drei Anhörungen pro Woche.

Annette: In Spitzenzeiten werde ich ein bis zweimal die Woche eingesetzt.

Werden eure speziellen Kompetenzen bei EinsĂ€tzen berĂŒcksichtigt?

Nazli: Ich kann TĂŒrkisch, kenne die politische Situation dieses Landes gut und werde sehr oft bei entsprechenden Befragungen eingesetzt. Das ist mir wichtig wegen der Übersetzungen und Verdolmetschung. Nuancen können hier Auswirkungen haben. Es braucht PrĂ€zisierungen, wenn es zum Beispiel um die Frage geht, ob und vor allem wie eine politische Partei mit der PKK und deren militanten FlĂŒgel sympathisiert.

Annette: Bei mir stehen eher die VerfĂŒgbarkeit und die FlexibilitĂ€t im Vordergrund. Der Asylbereich ist ja stets extremen Schwankungen unterworfen. Gerne lasse ich den HWV, die auf Einkommen angewiesen sind, oft Studierende, den Vortritt.

Nimmt die Empathie etwas ab nach vielen Anhörungen?

Nazli: Nein, ich glaube nicht, denn jede Person hat eine individuelle Geschichte. Traurige Momente berĂŒhren mich immer.

Annette: Die Gefahr ist schon da. WĂ€hrend die UMAs meistens sehr höflich, scheu und dankbar sind, gibt es wie ĂŒberall halt auch Gesuchsteller, die es einem schwierig machen, empathisch zu bleiben, etwa wenn sie ausfĂ€llig werden, einem bedrohen, sehr offensichtlich lĂŒgen. Aber das kommt selten vor.

Könnt ihr von schönen und von schwierigen Erlebnissen als HWV berichten?

Nazli: Die Situation der Roma habe ich oft als sehr schwierig erlebt. Grenzen, Ausweise, das alles reisst diese nomadisch lebenden Familien auseinander. Einer Romafrau war wegen ihres straffĂ€lligen Mannes in einer schlimmen Situation. Ihre Kinder lebten hier, sie selber aber musste dann wieder nach Serbien zurĂŒck, das fand ich sehr ungerecht. Hingegen erlebte ich wĂ€hrend einer Anhörung einen minderjĂ€hrigen Syrer, der gut zaubern konnte. Er schuf sich selber eine entspannte Situation, indem er uns etwas vorzauberte und auch die SEM-Sachbearbeiterin zeigte Freude.

Annette: Gesuchsteller erzĂ€hlen oft von belastenden und schlimmen Erlebnissen, die gemĂ€ss schweizerischem Asylgesetz nicht asylrelevant sind. Dies zu wissen und damit umzugehen scheint mir fĂŒr uns HWV schwierig. Schön ist es zu erleben, wenn ein Fall klar ist und dann auch rasch eine B-Bewilligung erteilt wird. Oder die Geschichte von zwei Schwestern, die eine 18, die andere 14 Jahre alt, die aus Italien vor ihrer gewalttĂ€tigen Mutter in die Schweiz flohen. Weil Italien sich weigerte, sie zurĂŒckzunehmen, wurden sie vorlĂ€ufig aufgenommen. Inzwischen sind beide dank Pflegefamilie und Ausbildung bestens integriert, haben eine B-Bewilligung und machen ihren Weg hier in der Schweiz.

Was Ă€ndert sich fĂŒr euch persönlich mit der EinfĂŒhrung des neuen Asylverfahrens?

Nazli: Nicht viel, weil ich als Juristin eh in diesem Bereich aktiv sein werde, die HWV-EinsĂ€tze sind eine gute Vorbereitung fĂŒr mich.

Annette: Ich werde keine Arbeit mehr haben, wenn alle Gesuche, die vor dem 1. MĂ€rz 2019 gestellt wurden, bearbeitet worden sind. Wenn mir das Profil entspricht, werde ich mich als Verfahrensberaterin bewerben.

Interview: Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische FlĂŒchtlingshilfe SFH