Der Kurde Kamran Raman kam 2014 nach einer langen Flucht aus dem Iran in die Schweiz. Wie hat er die ersten Jahre hier erlebt? Was waren die Schlüsselmomente, die in ihm das Gefühl ausgelöst haben, wirklich aufgenommen und endlich angekommen zu sein? Jacqueline Schär, Digital Managerin und Redaktorin bei der SFH, hat die Stationen seiner Flucht- und Integrationsgeschichte dokumentiert und mit ihm diesen Artikel gestaltet.
Von Jacqueline Schär, Digital Managerin und Redaktorin SFH
«Kinder tragen eine Leichtigkeit in sich, die ich bewundere: Freude ohne Kalkül, Traurigkeit ohne Dauer. Manchmal denke ich, dass ich genau diese Art von Leben noch am Suchen bin.
Ich bin in der Stadt Kermashan in Kurdistan aufgewachsen, offiziell gehört Kermanshah jedoch zum Iran. In einem Quartier, das nach Staub, Tee, Sommerhitze und den Stimmen der Nachbar*innen klang. Für mich als Kind war es ein eigener kleiner Kosmos: bunt, widersprüchlich, sicher, manchmal gefährlich. Ein Ort, der meine Kindheit beflügelte und gleichzeitig meine Freiheit einschränkte, lange bevor ich wusste, was Freiheit überhaupt bedeutet. Meine Eltern wollten mich eigentlich Xebat nennen, was für Kampf und Widerstand steht. Dieser Name klingt wie aus einem alten kurdischen Epos. Im Iran konnte bereits in den 1980er-Jahren selbst ein Name politische Bedeutung annehmen und bei den Behörden den Verdacht wecken, man unterstütze etwas, das man vielleicht nur im Herzen trug, eine Realität, die bis heute fortbesteht. Als mein Vater von den Behörden damit konfrontiert wurde, verspürte er grosse Angst und zugleich den Wunsch, einfach in Ruhe leben zu können. Überrumpelt und unsicher sagte er, er habe keinen zweiten Namen vorbereitet. Der Beamte fragte mit einer sachlichen Ruhe, die allerdings mehr Druck ausübte als ein lauter Ton: «Wie heisst der ältere Sohn?» «Keywan.» Ein kurzes Nicken, ein Moment des Nachdenkens, und dann sagte der Beamte fast beiläufig: «Dann nennen wir ihn Kamran.»
Mein Vater akzeptierte sofort. Und als er unterschrieb, wischte er sich leise den Schweiss von der Stirn. So wurde ich zu Kamran, was im Kurdischen «erfolgreich, glücklich, vom Schicksal begünstigt» bedeutet. Das Gegenteil von Xebat.
Die Kindheit
In unserem Viertel hatte kaum jemand viel Geld, aber als Kind bemerkte ich das nicht. Überall lebten Menschen unterschiedlichster Art. Berühmte kurdische Künstler*innen wohnten neben einfachen Händlern, laute Nachbar*innen neben stillen. Man hörte verschiedene Dialekte, spürte Freundlichkeit und Härte zugleich. Das Viertel war voller Persönlichkeiten so bunt wie ein übervolles Mosaik. Vertrauen bedeutete dort manchmal Mut und auch oft Dummheit.
Wir hatten einen kleinen Laden. Wir arbeiteten sieben Tage die Woche, grossteils aber mein Vater.
Er war für das Gemüse zuständig und ich lernte früh, dass Tomaten manchmal Verlust bedeuten.
Meine Mutter kümmerte sich um die Milchprodukte und die machte sie so gut, dass die Leute von weit her kamen. Ihre Produkte glichen alle Minusgeschäfte aus. Wir lebten im wahrsten Sinne des Wortes von ihren Händen. Meine Mutter war eine starke, lebenslustige Frau, Analphabetin, doch sie konnte den gesamten Diwan von Mavlawi des berühmten Dichters Mawlawî Tawgozî auswendig. Als Kind dachte ich, sie würde heimliche Kräfte besitzen. Später verstand ich, dass ihr Gedächtnis ihr Alphabet war. Sie schrieb Gedichte ohne Papier, und wir Kinder waren ihre Sätze. Mein Vater war ein ruhiger, ehrlicher Mann, viel älter als meine Mutter. Wir verstanden uns nicht immer. Aber Respekt war unsere Brücke, die uns trotz weniger Worte verband.
Die Flucht
Mit 26 Jahren musste ich flüchten, nicht aus Mut, sondern aus zwingender Not. 2010 geriet ich ins Visier des iranischen Geheimdienstes und floh in die Autonome Region Kurdistan im Irak. Drei Jahre lebte ich dort, zwischen Hoffnung, Selbsttäuschung und gefährlichen Momenten. Drei Jahre lang hielt ich an der naiven Hoffnung fest, irgendwie zurückzukehren, weil die Sehnsucht oft stärker war als die Vernunft.
2013 begriff ich etwas, das ich als Kind vielleicht schneller verstanden hätte. Ein Licht am Ende des Tunnels sieht man nicht, wenn es keinen Tunnel gibt. In meinem Fall gab es keinen Tunnel. Also machte ich mich auf den Weg, von der Autonomen kurdischen Republik in die Türkei. Acht Versuche waren nötig, um nach Griechenland zu gelangen. Dazwischen lagen Dunkelheit, Strom, Wasser, Angst und der Tod, der mir mehrmals so nahe kam, dass er mir in die Augen sah.
Im Februar 2014 gelangte ich mit einer gefälschten Identitätskarte von Athen in die Schweiz und wurde am Flughafen Zürich sofort festgenommen. Eigentlich wollte ich nach Norwegen reisen, doch ich kam in der Schweiz an, ohne zu wissen, ob ich bleiben darf. Trotz eindeutiger Gefahr wurde mein Asylgesuch in weniger als 40 Tagen zweimal abgelehnt. Ich verbrachte knapp sechs Monate in Ausschaffungshaft und überstand einen rechtswidrigen Ausschaffungsversuch. Danach lebte ich fast drei Jahre als Sans-Papier mit acht Franken pro Tag und der ständigen Angst, dass die Polizei am nächsten Morgen vor meinem Bett stehen könnte. Mit der Musik im Gepäck, einigen Texten, die ich noch nicht auswendig konnte, der Sehnsucht nach Ruhe und der Ungeduld, dieses Land zu erkunden und einen Platz zu finden, machte ich weiter.
Meine ersten Wochen in der Schweiz verbrachte ich im Bundesasylzentrum am Flughafen Zürich, ohne Tageslicht und Privatsphäre, mit viel Zeit, über das Leben nachzudenken. Danach kam ich für fast sechs Monate ins Ausschaffungsgefängnis Kloten und lebte anschliessend ein Jahr in einer Notunterkunft, bevor ich in die NUK Kloten verlegt wurde, nur fünfzig Meter vom Ausschaffungsgefängnis entfernt. Die Unterkunft war abgelegen, laut und geprägt von schwierigen Schicksalen ihrer Bewohnerinnen und Bewohnern. Es war Überleben, kein Wohnen.
Mein Asylverfahren dauerte insgesamt etwa drei Jahre. Es war für damalige Verhältnisse nicht extrem lang, doch durch die Zeit als Sans-Papier fühlte es sich deutlich härter an, als es die Dauer vermuten lässt. Der erste Entscheid des Staatssekretariats für Migration (SEM) war rechtswidrig. Das zweite Gesuch wurde fair behandelt und brachte rasch eine Lösung. Ich erhielt die Verfügung am Tag, an dem mein Vater starb. Ich konnte ihm nie mehr sagen, «Baba, mach dir keine Sorgen, ich bin in Sicherheit.»
Die Zukunft
Vor der Flucht bestand mein Leben aus Arbeit, Studium, Musik und dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Schweiz war nicht geplant, wurde am Ende aber zu meiner Rettung.
Zum ersten Mal fühlte ich mich wieder wie ein Mensch, als mir ein Freund, von der Autonomen Schule Zürich half, ein Zimmer in einer grossen Wohngemeinschaft (WG) an der Langstrasse zu finden. Ich teilte den Alltag mit acht Menschen, ohne Miete, und erlebte Stimmen, Chaos, Lachen, Streit und Tee. Ich hatte nur gesagt, dass ich ein Bett und Platz für meine Instrumente brauche, doch ich bekam mehr: Würde und das Gefühl, zuhause zu sein. Ein Jahr später erhielt ich die Aufenthaltsbewilligung und blieb noch vier Jahre in dieser WG. 2021 zog ich in meine eigene Wohnung, zunächst mit meiner damaligen Partnerin. Seit zwei Jahren lebe ich dort allein, ruhig, hell, mit Platz zum Atmen und der Freiheit, Musik zu machen. Musik war mein Zugang zur Schweiz, zu Menschen, und oft ein Hoffnungsträger. Sie ist Erinnerung, Therapie und Heimat. Musik übersetzt Gefühle, für die Worte nicht ausreichen, sie erreicht Menschen direkt und bleibt länger bestehen als Namen oder Titel.
Heute arbeite ich im sozialen Bereich. Ich berate und begleite Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen bei der Beratungsstelle Infodona im Sozialdepartement der Stadt Zürich. Was mich im Moment erfüllt, sind echte Begegnungen: Zeit mit Menschen zu teilen, gemeinsam etwas zu unternehmen, ohne Ziel und ohne Rolle.
Nach vielem, was das Leben mir abverlangt hat, lerne ich, mir selbst Raum zu geben, mir etwas zu gönnen und mich mit derselben Geduld zu behandeln, die ich lange nur für andere hatte. Vielleicht ist das mein heutiges Verständnis von Jungsein. Nicht Unbekümmertheit, sondern innere Beweglichkeit. Neugierig zu bleiben, zu staunen, zu spielen und das innere Kind bewusst zu bewahren.»

