Die Lifeline-Mission im Mittelmeer begann bereits im Herbst 2017. Warum wird der KapitĂ€n jetzt angeklagt, angeblich keine ordnungsgemĂ€sse Zulassung fĂŒr sein Schiff zu haben?
Eben! Uns ist nicht klar, warum diese Anklage erst jetzt vorgebracht wurde. Als der Premierminister das Einlaufen des Schiffes in Malta genehmigt hat, verlangte er zugleich eine Untersuchung des Schiffsbetriebs. Zu diesem Zeitpunkt bezog sich der Premierminister auf die Zulassung des Schiffes, die Art der AktivitÀten auf See und die angebliche Weigerung des KapitÀns, Befehle auf See zu befolgen.
Gibt es weitere Anklagepunkte â hat die Lifeline gegen das Seerecht oder internationale Abkommen verstossen?
Die vom Staatsanwalt â einem Inspektor fĂŒr Einwanderung â vorgebrachten Anklagepunkte betreffen speziell die Form der Zulassung der Lifeline. Angeblich erlaubt die niederlĂ€ndische Zulassung des Schiffes keine Einfahrt in die HoheitsgewĂ€sser Maltas. Diese Anklage wird unter Berufung auf das nationale Seerecht, das Hafen- und Schifffahrtsgesetz, vorgebracht und der Staatsanwalt stellt sie in einen Zusammenhang mit den Bestimmungen des SeerechtsĂŒbereinkommens der Vereinten Nationen (SRĂ) von 1982. Entgegen den Stellungnahmen des Premierministers werden in der Anklage weder der konkrete Rettungseinsatz noch der Austausch mit der libyschen und italienischen KĂŒstenwache erwĂ€hnt. TatsĂ€chlich geht es um Maltas Anerkennung der niederlĂ€ndischen Zulassung der Lifeline.
Warum verweigerte Malta zunÀchst die Einfahrt des Lifeline-Schiffes, gestattete sie dann spÀter aber doch? Was war in der Zwischenzeit geschehen?
Nach unseren Kenntnissen scheint dem Schiff die Einfahrt gestattet worden zu sein, als Malta sichergestellt hatte, dass die geretteten Migrant_innen auf verschiedene LĂ€ndern verteilt werden. Malta öffnete seinen Hafen erst zu dem Zeitpunkt, als die Regierung durch die Tatsache beschwichtigt worden war, dass sie «die Last» der geretteten Menschen an Bord nicht «tragen» muss. Es war keine humanitĂ€re Entscheidung, sondern eine Entscheidung aus rein strategischem und politischem KalkĂŒl.
Worauf zielt das Verfahren? Soll am deutschen KapitÀn ein Exempel statuiert werden, um andere NGOs abzuschrecken? Falls ja, warum?
Als der Premierminister Ermittlungen gegen die Lifeline forderte, verbot er im selben Atemzug NGO-Schiffen, Maltas HĂ€fen anzulaufen. Das zeigt den Zusammenhang deutlich auf. Malta möchte eine klare Botschaft vermitteln: Wenn ihr Migranten rettet, versucht nicht einmal in die NĂ€he der maltesischen GewĂ€sser zu gelangen. Es gibt keinen triftigen Grund, NGO-Schiffen zu verbieten, maltesische HĂ€fen anzulaufen. Die Ausrede des Premierministers, dies geschehe aus GrĂŒnden der Einhaltung des Seerechts, ist schlicht Fassade.
Das wÀre ein politischer Schauprozess. Welches Interesse hat Malta daran?
Malta möchte seinen Partnern in der EuropĂ€ischen Union zeigen, dass es unnachgiebig, kĂŒhn und entschlossen die EU-Grenzen verteidigt, obwohl es ein kleines Land an einer hochriskanten Aussengrenze ist. Es kann dadurch unzĂ€hlige Punkte sammeln. Noch einmal: Es gibt keine vertretbaren GrĂŒnde, NGO-Rettungsschiffe zu blockieren.
Wer steckt hinter diesen Anklagen?
Unserer Meinung nach sind die Anklagen das Ergebnis einer extrem negativen, politischen Lage im Mittelmeer. Man kann sie schwerlich einem oder zwei Menschen anlasten, aber wir sind recht sicher, dass die ErklÀrung des Premierministers dabei entscheidend war.
Wie ist die derzeitige «Stimmung» in Malta hinsichtlich Migration und der Weigerung, Seenotrettungs-Schiffe einlaufen zu lassen?
Die Stimmung wechselt hier bestĂ€ndig. Man darf nicht vergessen, dass wir ein sehr kleines Land sind, das mit denselben Dingen konfrontiert ist wie alle anderen LĂ€nder. Tendenziell Ă€ndert sich die Stimmung beim Thema Migration direkt mit dem Ankommen der Schiffe. Legen die Schiffe an, erleben wir sofort, wie Spannungen, Wut, Ăngste und ein negativer Diskurs zunehmen. Als in den letzten paar Jahren keine Schiffe anlegten, sondern die FlĂŒchtlinge ungesehen und ohne Medienberichte Malta erreichten, lief alles glatt. Malta hat sein Inhaftierungsregime ĂŒberdacht und eine nationale Integrationsstrategie umgesetzt! Heute ist die Stimmung wieder aggressiver, denn die Bedrohung der Invasion ĂŒber das Meer ist zurĂŒck, die nun zusĂ€tzlich durch machthungrige und geldgierige NGOs unterstĂŒtzt wird!
Aber wir sehen auch eine wachsende Anzahl besorgter BĂŒrger, die sich darĂŒber aufregen, dass Malta durch die Schliessung der (Schifffahrts- und Flug-)HĂ€fen fĂŒr Rettungs-NGOs faktisch ein Todesurteil fĂŒr so viele Menschen ausgesprochen hat. Das tröstet uns ein wenig, zu wissen, dass es fĂŒr die Leute â unabhĂ€ngig von der Einstellung zur Migration â schlichtweg inakzeptabel ist, dass Menschen im Meer sterben, und dass dies geĂ€ndert werden muss.
Welche Konsequenzen hĂ€tte eine Verurteilung fĂŒr die Lifeline-Mission und fĂŒr die private Seenotrettung insgesamt?
Das Gesetz legt fest, dass eine Verurteilung zu einer Busse maximal ⏠11â600 betragen kann, die maximale GefĂ€ngnisstrafe liegt bei 12 Monaten, es sind auch eine Kombination möglich. Das wĂ€re schrecklich fĂŒr den KapitĂ€n, aber auch ein fĂŒrchterlicher Schlag fĂŒr SeenotrettungseinsĂ€tze, denn es wĂŒrde Maltas Drohung gegen alle, die FlĂŒchtlinge und Migranten retten, konkretisieren: Bringt sie nicht hierher. Bislang wurde diese Drohung gegen Fischer ausgesprochen und sind uns bewusst, dass einige Fischer Menschen in Seenot aufgrund dieser Drohungen und der allgemein herrschenden Unsicherheit nicht retteten.
Was wÀre Ihrer Meinung nach die Lösung, um weitere tragische TodesfÀlle im Mittelmeer zu verhindern?
Wir haben fĂŒnf klare Punkte, die wir in den vergangen Jahren fast bis zum Ăberdruss immer wieder repetiert haben:
- Erlaubt NGO-Schiffen und -Flugzeugen die Ein- und Ausfahrt bzw. das Landen und Starten in und aus den (Flug-)HĂ€fen lasst die von ihnen geretteten Menschen unverzĂŒglich an Land gehen.
- Leben, Freiheit und Sicherheit der Migrant_innen sind in Libyen bedroht. Ăberlasst die RettungsaktivitĂ€ten nicht der libyschen KĂŒstenwache und schifft nicht nach Libyen aus.
- Italien und Malta mĂŒssen sich ĂŒber die Verfahren zur Ausschiffung der Menschen verstĂ€ndigen.
- Die EU-Mitgliedsstaaten sollten die Verantwortung fĂŒr alle FlĂŒchtlinge, die in die EU kommen, gemeinsam ĂŒbernehmen.
- Schafft realistische Möglichkeiten fĂŒr GeflĂŒchtete, sicher und legal in die EU zu gelangen.
Interview gefĂŒhrt von Adriana Romer, Bereichsleiterin Recht


