Sadaqat Khan, du hast seit kurzem eine B-Bewilligung, wie fühlt sich das an?
Oh, es riecht nach Freiheit! Ich habe acht Jahre mit dem F-Ausweis gelebt. In dieser langen Zeit hätte ich jeden Tag weggewiesen werden können, zurück nach Afghanistan. Ich durfte nicht ins Ausland reisen, lebte von der knappen Asylsozialhilfe, konnte keinen Miet- oder Handy-Vertrag selbständig abschliessen, bekam viele Absagen von Arbeitgebern, weil sie denken, du bist nur provisorisch da.
Ist die drohende Wegweisung stets im Bewusstsein?
Das ist unterschiedlich. Manche leiden sehr darunter, manche begreifen nicht oder erst später, dass ihr Asylgesuch abgelehnt worden ist und dass sie jederzeit zurückgeschickt werden könnten.
Wie erging es dir, als du den F-Ausweis bekamst?
Ich erhielt den F-Ausweis Ende 2016, bereits zwei Monate nach meiner Ankunft. Als unbegleiteter Minderjähriger kam ich im Kanton Baselland auf den Erlenhof in ein gut betreutes Wohnheim und war erstmal froh, angekommen zu sein. Alles war neu und ich war mit 13 Jahren noch so jung; ehrlich gesagt, die ersten zwei Jahre kümmerte es mich nicht, welchen Ausweis und welche Rechte ich damit habe.
Hatte denn der F-Ausweis konkrete Nachteile für dich, erinnerst du dich an ein Beispiel?
Erstmals bewusst wurde mir ein Nachteil des F-Ausweises in der Schule. Dort gab es immer wieder mal Ausflüge über die nahe Grenze nach Deutschland und Frankreich. Da hiess es dann, dass es eine Bewilligung brauche, damit ich mitkommen kann, doch der Aufwand sei dafür zu gross.
Und später, nach der Schulzeit, als du auf Lehrstellensuche warst?
Nachdem ich meinen Lehrvertrag als Detailhandelsfachmann unterzeichnet hatte, kam ein paar Tage später ein Brief vom Staatssekretariat für Migration (SEM). Und wenn das SEM schreibt, dann ist man immer aufgeregt und beunruhigt. Im Brief stand, dass ein Lehrvertrag kein Grund dafür sei, dass eine Wegweisung nicht vollzogen werden kann.
Was ging in dir vor, als du das gelesen hast?
Ich war schockiert! Ich fand es sehr krass und im ersten Moment war ich sehr verunsichert und dachte, ich hätte einen Fehler gemacht.
Einen Fehler?
Ich war von Anfang an hier in der Schweiz auf die Gesetze konzentriert, nicht auf meine Rechte. Ich wollte alles richtig machen, nicht ohne Billett Zug oder Tram fahren, die Rechnungen rechtzeitig bezahlen, nichts Strafbares machen. Das war und ist mir immer noch sehr wichtig. Ich dachte also, ich hätte etwas falsch gemacht, bis mir dann der Betreuer erklärte, dass dieser Hinweis vom SEM jeder bekommt, der mit einer vorläufigen Aufnahme eine Lehrstelle antritt.
Welche Wirkung hatte das auf dich?
Dank dem Betreuer konnte ich das besser einordnen, aber zuerst war es wirklich eine Motivationsbremse – endlich hast du eine Lehrstelle und dann das! Heute denke ich, wenn das SEM zum Beispiel geschrieben hätte, dass man ein Bleiberecht bekommt, wenn man die Lehre besteht, dann wäre das ein Ansporn und ein Ziel, das einem hilft, durch die Schwierigkeiten zu gehen, weil es sich lohnt. Warum fordert und fördert man hier nicht mit mehr Anreizen und Belohnungen? So aber ist es zunächst eine Motivationsbremse und eine grosse Verunsicherung.
Was hat dir geholfen, den Mut nicht zu verlieren und weiterzumachen?
Ich sagte mir, euch zeige ich es, gerade zum Trotz werde ich alles richtig machen und die Lehre bestehen und abschliessen. Ich bin so ein Typ, der streng ist zu sich selbst. Was ich mir vornehme, kann ich meistens erreichen, ich bin sehr zielorientiert. Aber nicht alle Menschen sind so. Ich habe die Verzweiflung und die Enttäuschung einiger Kollege, die das Gleiche erlebt haben, gesehen.
Wie ging es dann bei dir weiter, hat deine Strategie funktioniert?
Es kamen zunächst zwei schwierige Jahre und ich musste danach nochmals bei null anfangen. Die erste Lehre musste ich abbrechen, dann eine neue Lehrstelle finden und von vorne beginnen. Dafür habe ich diesen Sommer nun mit guten Noten meine Lehre als Detailhandelsfachmann mit Eidgenössischem Fachausweis abgeschlossen.
Gratuliere! Dann ist die Arbeitssuche nun einfacher geworden, oder?
Ja sicher, aber ich glaube, das liegt auch an der B-Bewilligung. Für Angestellte mit F-Ausweis haben Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zum Beispiel eine Meldepflicht und mehr Bürokratie zu erledigen als bei Personal mit einer B- oder C-Bewilligung.
Warum findet man trotzdem eine Anstellung oder eine Lehre mit einer vorläufigen Aufnahme?
Ich denke, das hat wirklich zwei Seiten: Es gibt Betriebe, die wirklich gerne und mit Herzblut jungen Geflüchteten eine Chance geben möchten. Besonders, wenn dahinter ein Umfeld von Begleitern und Betreuern ist wie beim Erlenhof, dann hilft das auch den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Aber es gibt eben auch solche, die die Situation ausnützen, weil vorläufig Aufgenommene oft Angst haben, sich zu wehren, wenn die Arbeitszeiten zu lang sind, der Lohn nicht stimmt und so weiter. Das wissen inzwischen eben auch einige Betriebe und profitieren davon.
Was sind deine Zukunftspläne?
Auch wenn ich Schwieriges erlebt habe, so bin ich doch daran gewachsen. Ich bin reifer geworden, fühle mich heute stabil und stehe gut im Leben. Ich bin ein empathischer Mensch, komme mit Menschen gut klar. Ich kann mir vorstellen, mich einmal selbstständig zu machen und einen Betrieb zu leiten.

