Partizipation auf allen Ebenen

20. Mai 2026

Mahtab Aziztaemeh ist Co-Vorsitzende des Flüchtlingsparlaments und seit kurzem Vorstandsmitglied der SFH. Seit 2021 gibt das Flüchtlingsparlament geflüchteten Menschen in der Schweiz eine Stimme. Sie möchten bei Entscheidungen, die sie betreffen, mitreden können. Nach dem Motto: Nicht über uns, sondern mit uns entscheiden!

Geflüchtete bringen ihr Fachwissen und ihre Erfahrungen in den verschiedenen Kommissionen des Flüchtlingsparlaments ein. Dort erarbeiten sie Strategien und Forderungen, die sie in den politischen Diskurs tragen. Die SFH unterstützt das Flüchtlingsparlament seit Beginn mit Expertise und bei Auftritten. Im Interview spricht Mahtab Aziztaemeh über ihre beiden Rollen und darüber, wie Integration gelingt. 

Interview: Andrea Schmid, Fachreferentin Integration SFH 

Du bist Mitgründerin des Flüchtlingsparlaments. Was ist heute deine Rolle

Ich habe das Flüchtlingsparlament von Anfang an aktiv mit aufgebaut und mitgestaltet. In den letzten Jahren war ich Teil des Organisationsteams und habe dort die Entwicklung, Planung und Umsetzung unserer Programme und Aktivitäten verantwortet. 
Meine Rolle war dabei bewusst vielseitig: Ich habe unter anderem als Leiterin von Kommissionen gearbeitet, Prozesse innerhalb der Kommissionen begleitet und auch organisatorische Verantwortung übernommen. Im Kern habe ich immer dort Verantwortung übernommen, wo sie gerade gebraucht wurde – mit dem Ziel, dass die Arbeit stabil läuft und sich weiterentwickeln kann. 
Aktuell gehen wir den nächsten Schritt in der Institutionalisierung: Seit Mai habe ich gemeinsam mit Shishai Haile und Peter Mozolevskyi die Co-Geschäftsleitung des neu gegründeten Vereins «Flüchtlingsforum Schweiz» übernommen. Damit verlagert sich mein Fokus noch stärker auf die strategische Weiterentwicklung und die nachhaltige Verankerung unserer Arbeit. 

Das Flüchtlingsparlament organisiert sich gerade neu. Wie sieht diese Weiterentwicklung aus? Welche strategischen Ziele verfolgt ihr? 

Wir befinden uns aktuell in einer wichtigen Phase. Mit der Gründung des Vereins schaffen wir eine stabile und langfristige Struktur. Ein zentraler Punkt ist dabei: Der Verein wird von Geflüchteten selbst geführt – im Vorstand wie auch in der Geschäftsleitung. Das ist für uns kein symbolischer Schritt, sondern eine klare politische Haltung: Es kann nicht über Geflüchtete gesprochen werden, ohne dass sie selbst in den entscheidenden Positionen sind. 

Strategisch verfolgen wir das Ziel, die Partizipation von Geflüchteten auf allen Ebenen einzufordern – politisch, gesellschaftlich und institutionell. Unser Anspruch ist nicht Integration am Rand, sondern Teilhabe im Zentrum der Gesellschaft. 

Gleichzeitig stellen wir uns bewusst gegen die Spaltung in ein vermeintliches ‚Wir‘ und die ‚Anderen‘. Diese Trennung prägt viele politische Debatten und führt dazu, dass Menschen systematisch ausgeschlossen werden. Wir wollen diese Logik durchbrechen und zeigen, dass Geflüchtete selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft sind – auch als politische Akteur:innen. 

Wir bauen eine Organisation auf, die professionell und langfristig wirkt – und gleichzeitig den Anspruch hat, bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen und echte Mitbestimmung einzufordern. Dabei ist für uns zentral, dass wir dialogorientiert arbeiten: nicht über Geflüchtete sprechen, sondern mit ihnen – gemeinsam gestalten, gemeinsam diskutieren, gemeinsam entscheiden und schliesslich auch gemeinsam umsetzen.  

Welches sind die grössten Hürden bzw. Herausforderungen bei der Integration? 

Integration ist anstrengend – für Geflüchtete und Einheimische. Die grössten Hürden liegen aus meiner Sicht in den Rahmenbedingungen: eingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt, unsichere Aufenthaltsstatus, begrenzte Bildungschancen und bürokratische Hürden. Diese Faktoren erschweren es vielen Geflüchteten überhaupt, ihr Potenzial einzubringen. 

Gleichzeitig gibt es auch auf gesellschaftlicher Ebene Herausforderungen – insbesondere Vorurteile und die oft bestehende Trennung in ein ‚Wir‘ und die ‚Anderen‘. Diese Denkweise beeinflusst, wie offen Institutionen und Gesellschaft tatsächlich sind. 
Was dabei oft übersehen wird: Viele Geflüchtete leisten bereits enorme Integrationsarbeit. Sie lernen eine neue Sprache, orientieren sich in einem komplexen System und bauen ihr Leben unter oft schwierigen Bedingungen neu auf. 

Entscheidend ist deshalb die Frage, wie wir die bestehenden Strukturen so gestalten können, dass echte Teilhabe möglich wird. Integration gelingt dann, wenn sie nicht als einseitige Anpassungsleistung verstanden wird, sondern als gemeinsamer Prozess – getragen von fairen Voraussetzungen und gegenseitiger Offenheit. 

Welche Rolle spielen Trauma bei der Integration? 

Zunächst ist klar zu sagen: Trauma kann bei der Integration eine wichtige Rolle spielen, muss jedoch differenziert betrachtet werden. Nicht alle Geflüchteten sind traumatisiert, und nicht jede Integrationsherausforderung lässt sich darauf zurückführen. Eine pauschale Gleichsetzung wäre fachlich nicht haltbar und würde der Vielfalt individueller Erfahrungen nicht gerecht werden. 

Gleichzeitig darf der Einfluss von Trauma nicht unterschätzt werden. Viele Geflüchtete haben Erfahrungen von Krieg, Gewalt, Verlust, Verfolgung oder langanhaltender Unsicherheit gemacht. Sie kommen nicht nur in ein neues Land, sondern oft mit massiven Belastungen, die ihre psychische und soziale Stabilität betreffen. Diese Erfahrungen wirken sich nicht zwingend, aber häufig auf zentrale Lebensbereiche aus: auf Vertrauen, auf Stressverarbeitung, auf Konzentrationsfähigkeit und auf die Fähigkeit, sich in komplexen neuen Systemen zurechtzufinden. Das Problem ist, dass unsere Integrationssysteme diese Realität oft zu wenig berücksichtigen. Es wird implizit erwartet, dass Menschen schnell funktionieren, sich anpassen und Leistung erbringen – unabhängig davon, unter welchen inneren und äusseren Voraussetzungen sie starten. 

Gleichzeitig ist es entscheidend, Geflüchtete nicht auf ihre Belastungen zu reduzieren. Sie sind nicht nur Träger von Trauma, sondern auch Menschen mit Ressourcen, Handlungskompetenzen und enormer Resilienz, die unter schwierigen Bedingungen oft beeindruckende Leistungen erbringen. 

Deshalb braucht es einen konsequent differenzierten Ansatz: Einen, der psychische Belastungen ernst nimmt, ohne Menschen darauf zu reduzieren, und der Integration so gestaltet, dass Stabilität, Schutz und Unterstützung nicht als Ausnahme, sondern als struktureller Bestandteil verstanden werden. 

Es gibt Stimmen, die sagen, die Schweiz fordere von Geflüchteten zu wenig. Was sagst du dazu? Welche Integrationsleistungen erbringen Geflüchtete? 

Ich halte diese Aussage für verkürzt, weil sie das Problem falsch einordnet. Im Zentrum steht nicht die Frage, ob die Schweiz „zu wenig fordert“, sondern ob Menschen überhaupt realistische Möglichkeiten haben, ihre Integrationsleistungen wirksam einzubringen. 

Geflüchtete geben sich bereits grosse Mühe: Sie lernen eine neue Sprache oft unter schwierigen Bedingungen, bewegen sich in komplexen administrativen Systemen, bauen ihr Leben vollständig neu auf und tragen häufig gleichzeitig familiäre Verantwortung. Viele engagieren sich zusätzlich in der Gesellschaft – trotz unsicherer Perspektiven und instabiler Lebenslagen. Das eigentliche Problem liegt daher nicht im fehlenden Willen, sondern in strukturellen Hürden: eingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt, unsichere Aufenthaltsstatus und langwierige Verfahren. Eine Debatte, die sich nur auf mehr Anforderungen fokussiert, verschiebt die Verantwortung einseitig auf die Betroffenen. Was es stattdessen braucht, ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit Teilhabe und Strukturen – nicht mit angeblich zu geringer Anstrengung. 

In welchen Bereichen funktioniert die Integration gut? Wo siehst du Verbesserungspotenzial? Was wäre hilfreich? 

Integration funktioniert dort besonders gut, wo neben strukturellen Zugängen auch individuelle Begleitung vorhanden ist. Wenn Geflüchtete früh Zugang zu Arbeit, Bildung und praktischer Teilhabe erhalten und gleichzeitig psychologische Unterstützung, Coaching oder sozialpädagogische Begleitung bekommen, entstehen deutlich stabilere Integrationsverläufe. Diese Kombination hilft, Unsicherheiten zu reduzieren und Ressourcen gezielt zu aktivieren, statt Menschen mit komplexen Anforderungen allein zu lassen. 

Schwierigkeiten entstehen häufig dort, wo diese unterstützenden Strukturen fehlen oder nur punktuell verfügbar sind. Dann werden Herausforderungen schnell individualisiert, obwohl sie eigentlich strukturell mitbedingt sind. 
Verbesserungspotenzial liegt daher auch im Ausbau von niederschwelliger psychischer Unterstützung und kontinuierlicher Begleitung. Besonders wirksam sind Angebote, die früh einsetzen, kulturell sensibel sind und Integration nicht nur administrativ, sondern auch psychosozial begleiten. 

Geflüchtete sind oft Vorurteilen ausgesetzt. Welche Vorurteile gegenüber Geflüchteten möchtest du richtigstellen, auch mit Blick auf die anstehende Abstimmung?  

Ein zentrales Vorurteil ist, dass Geflüchtete wenig leisten oder sich nicht integrieren wollen. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Viele investieren enorm viel Energie in Sprache, Arbeit und den Aufbau eines neuen Lebens – oft unter sehr schwierigen und unsicheren Bedingungen. Die eigentlichen Herausforderungen liegen weniger bei den Menschen selbst, sondern wie gesagt, in den Strukturen.  

Im Kontext der aktuellen Abstimmungsdebatte zur 10-Millionen-Schweiz wird Migration stark als Belastungsfrage diskutiert. Dadurch entsteht schnell ein verkürztes Bild, in dem Migration generell – und indirekt auch Geflüchtete – eher als Problem wahrgenommen wird, statt als Realität, die differenziert betrachtet werden muss. Wichtig ist auch die Einordnung: Geflüchtete machen im Vergleich zur gesamten Migration in der Schweiz nur einen kleinen Anteil aus. In der öffentlichen Debatte wird Migration jedoch oft vermischt, wodurch Geflüchtete überproportional im Fokus stehen und verzerrt wahrgenommen werden. Deshalb ist für mich entscheidend: Integration scheitert selten am Willen der Menschen, sondern an den Rahmenbedingungen, die wir politisch setzen. 

Du bist seit kurzem Vorstandsmitglied der SFH, was uns sehr freut. Welche Ideen hast du? 

Ich freue mich sehr, Teil des Vorstands der SFH zu sein und an dieser wichtigen Arbeit mitzuwirken. Meine zentrale Idee ist, dass wir Partizipation von Geflüchteten nicht länger als Ergänzung verstehen, sondern als Voraussetzung für glaubwürdige Politik. 
Ich möchte beitragen, die Perspektiven von Geflüchteten stärker in die politische Arbeit einzubringen und die Integrationsdebatte klar auf strukturelle Hürden, statt auf individuelle Defizite auszurichten. Für mich geht es um echte Teilhabe und eine Demokratie, die auch Geflüchtete einschliesst. 

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