Hussain und Irene

Als Hussain nach seiner Flucht aus Afghanistan in der Schweiz ankommt, ist vieles ungewiss. Doch mit grosser Entschlossenheit beginnt er, sich Schritt für Schritt ein neues Leben aufzubauen. Dabei werden alltägliche Begegnungen und Momente der Menschlichkeit zu wichtigen Ankerpunkten. So entwickelt sich aus einem ersten Treffen im Bundesasylzentrum Lyss eine tiefgehende Freundschaft. Hussain Panahi und Irene Neubauer zeigen, wie Offenheit, Menschlichkeit und gegenseitiges Interesse neue Perspektiven eröffnen.

Von Louis Zimmann, Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH)

Es ist ein sonniger Frühlingstag, an dem sich Hussain und Irene zum ersten Mal im Bundesasylzentrum (BAZ) in Lyss über den Weg laufen. Hussain hatte wenige Wochen davor Asyl in der Schweiz beantragt. Das BAZ ist ein Ort des Transits. Umso mehr fällt Hussain diese Frau auf, die in der Cafeteria sitzt und sich so ausgiebig Zeit nimmt für ihre Mitmenschen und deren Geschichten. Wie so oft, mit seiner offenen Art, geht Hussain auf die Frau zu und fragt gleich mal nach: «Wer sind Sie denn?» Irene lächelt und erzählt von ihrer Arbeit als Seelsorgerin. Beide erinnern sich gut an dieses erste Treffen. Von Anfang an war da eine Begegnung auf Augenhöhe. Zwei Menschen, die eine tiefe Faszination für ihre Mitmenschen und einen unstillbaren Wissensdurst für die grossen Fragen im Leben teilen.

Vom Teppichknüpfen zu internationalen Beziehungen

Der Wissensdurst begleitet Hussain seit seiner Kindheit in Kabul, wo er 1988 geboren wurde. Sein Vater war Teppichknüpfer, und die Kinder mussten schon früh mitanpacken. Aber die Bildung ihrer Kinder war für Hussains Eltern stets die oberste Priorität. Hussain erinnert sich an lange Schultage gefolgt von Abenden am Webrahmen, bis die Hände schmerzten. «Das Teppichknüpfen war für mich ein Albtraum und Bildung der einzige Weg raus», sagt er. 

Hussain schaffte den Sprung an die Universität und angelte sich ein Stipendium für ein Studium der internationalen Beziehungen in der Türkei. Nach dem Studium fand er eine erste Stelle im öffentlichen Sektor und begann, sich beruflich zu etablieren. Doch dann kam alles anders. Im August 2021 übernehmen die Taliban die Macht. Die Menschenrechtslage verschlechtert sich rasant. Frauen und Mädchen werden systematisch aus dem öffentlichen Leben verdrängt und auch ethnische und religiöse Minderheiten sind zunehmender Gewalt ausgesetzt. Ehemalige Mitarbeitende staatlicher Institutionen werden von den Taliban als «Kollaborateure» verfolgt. Hussain und seine Frau müssen flüchten.

Berge statt Wolkenkratzer

Als Hussain im Dezember 2021 zum ersten Mal Fuss in die Schweiz setzte, erwartete er Wolkenkratzer und fand stattdessen Berge, die auf ihn warteten wie alte Freunde aus dem gebirgigen Afghanistan. Während der Flucht mussten Hussain und seine Frau innert weniger Stunden existenzielle Entscheidungen über ihre Zukunft treffen, aus einer Position lähmender Unsicherheit und Gefahr. Die Ankunft in der Schweiz, wo sie in Zürich Asyl beantragten, war ein erstes Aufatmen. Gleichzeitig markierte sie den Beginn eines langwierigen Prozesses, geprägt von Instabilität und Ungewissheit. 

Nicht gleich, aber gleich neugierig

Irene war eine enorm wichtige Person in dieser Zeit, sagt Hussain. Eine Person, die zuhört, berät und für die keine Frage zu blöd oder selbstverständlich ist. «Sie ist Christin, ich bin Moslem», erklärt Hussain, «aber das spielt keine Rolle». Entscheidend sei ihre gemeinsame Faszination für die Welt und für alles, was man (noch) nicht kennt. 

Irenes Vater wurde als Sudetendeutscher vertrieben und konnte sich in der Schweiz ein erfülltes Leben aufbauen. Für die Seelsorgerin, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Geflüchteten einsetzt, ist Flüchtlingsschutz deshalb nicht nur Berufung, sondern auch biografisch geprägt. Sie ist getrieben von einem Interesse an anderen Kulturen und dem persönlichen Austausch, bei dem man genauso viel über sich selbst wie über andere lernt. 

Kein Pingpong-Schläger, kein Problem

Auch der Sport erwies sich für Hussain als zentral, um in der Schweiz Anschluss zu finden. Als er vom BAZ in eine Kollektivunterkunft umzog, entschied er sich, einer lang gehegten Faszination nachzugehen: dem Tischtennis. Kurzerhand ging er beim Tischtennisclub Langnau vorbei. Gut war er damals noch nicht, und einen Pingpongschläger hatte er auch keinen. Doch Jeanine und Chäspu vom TTC Langnau empfingen ihn mit offenen Armen, drückten ihm einen Schläger in die Hand und integrierten ihn in den Verein. Der TTC unterstützte Hussain nicht nur bei der Lizenzierung, damit er an Turnieren teilnehmen kann, sondern auch ganz pragmatisch mit Bahntickets, um überhaupt zu diesen Turnieren zu fahren. 

Nach dem Warten

Gross war die Erleichterung, eineinhalb Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz, als Hussain, seine Frau und ihr neugeborener Sohn Asyl erhielten. Der positive Entscheid erlaubte es Hussain und seiner Familie, konkreter ihre Zukunft zu planen. Für Hussain ist klar, dass er sein Wissen und seine Erfahrung so schnell als möglich in der Schweiz einbringen möchte. 

Wie schon in seiner Kindheit ist auch heute Bildung seine Strategie, um vorwärtszukommen. Mittlerweile studiert Hussain im zweiten Semester an der Universität Bern im Bereich der nachhaltigen Entwicklung. Er möchte auf seiner fundierten Ausbildung und Arbeitserfahrung aufbauen.

Ein Zuhause knüpfen

Hussain gehört der ethnischen Minderheit der Hazara an. In Afghanistan, sagt er, werde man als Hazara oft so behandelt, als sei man ein Fremder im eigenen Land. In der Schweiz hingegen habe er Menschen getroffen, die ihm, fernab von seinem Herkunftsort, ein Gefühl von Zugehörigkeit geben. Es sei Dank Menschen wie Irene oder den Pingpöngler*innen in Langnau, dass sich Hussain und seine Familie hier zuhause fühlen.

Aus der Begegnung in Lyss ist inzwischen eine Freundschaft entstanden, die beide bereichert. Irene spielt zwar nicht Tischtennis, doch die beiden passen sich Gedanken und Ideen zu wie Pingpong-Bälle. Ob bei kulturellen Veranstaltungen im Haus der Religionen oder beim Teetrinken und Guetzliessen auf dem Badetuch im Marzili. Heute spielen Hussains dreijähriger Sohn und Irenes Enkelkind zusammen, und man trifft sich auch zufällig in der Stadt. «Solche spontanen Begegnungen geben einem wirklich das Gefühl angekommen zu sein», meint Hussain.

Von Anfang an suchte Hussain den Austausch, stellte Fragen und begegnete seinen Mitmenschen mit Offenheit. Wie beim Teppichknüpfen braucht es dafür Geduld, Fingerspitzengefühl und die Bereitschaft, Fäden immer wieder neu aufzunehmen. Doch das Gewebe trägt nur, wenn auch die Menschen hier Offenheit zeigen und mitmachen. So knüpfen sich Hussain und seine Familie Schritt für Schritt ein neues Zuhause.

 

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