«Auch im grössten Unglück hat mich das Glück nie verlassen»

Ruun Cali und Luca Brughelli verbindet nicht nur die Leidenschaft für die hohe Kochkunst. Als sich ihre Wege vor knapp zehn Jahren in Bellinzona kreuzten, hangelte sich Ruun Cali verzweifelt von Praktikum zu Praktikum, kämpfte mit den Hürden einer vorläufigen Aufnahme und befand sich seelisch an einem Tiefpunkt in ihrem Integrationsprozess. Doch die Menschlichkeit vieler Tessinerinnen und Tessiner, die grosse Unterstützung des Spitzenkochs Luca Brughelli, und ihr eigener starker Wille haben aus dem somalischen Strassenkind ohne Schulbildung eine talentierte Köchin und Buchautorin gemacht.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH)

«Ja, meine Eltern haben mich als Achtjährige verstossen», bestätigt Ruun Cali, 38. Somalische Kinder sind den fundamentalistischen Al-Shabaab schutzlos ausgesetzt. Oft werden sie entführt, zwangsverheiratet oder zwangsrekrutiert. «Vermutlich wollten mich meine Eltern vor diesem Schicksal schützen und haben mich damals mit vielen anderen Kindern in einem Lastwagen über die Grenze nach Kenia bringen lassen», erzählt Ruun Cali. Sie blickt in den Mehrzwecksaal von Bodio (TI), zwinkert den rund fünfzig Pensionierten zu und sagt: «Heute aber geht es mir sehr gut, denn Ihr seid für mich wie Eltern». Der ehemalige Lehrer Fabrizio Boo hat soeben aus ihrem Buch «Portata dal vento. Il mio cammino da Mogadiscio ad Airolo.» («Vom Wind getragen. Mein Weg von Mogadischu nach Airolo.») vorgelesen, das nun gemeinsam mit der Autorin besprochen wird. Er sagt: «Nicht nur bei uns in der Leventina, wo sie lebt, sondern im gesamten Kanton Tessin ist Ruun Cali mittlerweile eine bekannte Persönlichkeit. Wir sind stolz, sie heute bei uns zu haben!»

Über 13'300 Kilometer

Als Ruun Cali im Oktober 2008 in Genf zum ersten Mal schweizerischen Boden betrat, allein, frierend, rat- und ziellos, wollte sie sich einfach nur noch mitten auf die Strasse legen. «Es hätte wohl niemand um mich geweint, wenn ich angefahren oder gar überfahren worden wäre», schreibt sie in der Einleitung ihres Buches. Dann beginnt sie, ihre Erinnerungen an die verlorene Kindheit und die kaum fassbaren Fussmärsche, die sie berührend beschreibt, aufzurollen. Eine kleine Landkarte zeigt im Buch die Wege von Mogadischu bis Airolo an: Ruun Cali durchquert Wüsten, Savannen, Steppen, Wälder, Täler und Berge in Somalia, Kenia, Äthiopien, dem Sudan, Eritrea, dem Jemen und Saudi-Arabien bis in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo sie in Dubai schliesslich ein Flugzeug besteigt. Es dürften über 13'300 Kilometer gewesen sein, die sie zwischen 1996 und 2008 ohne Eltern und Gepäck, mehrheitlich zu Fuss, manchmal per Autostopp, mit dem Bus, auf klapprigen Pickups oder auf schwankenden Esels- oder Dromedar-Rücken bis Dubai zurückgelegt hat. Manchmal allein, manchmal zusammen mit anderen Kindern, stets begleitet von Hunger und Angst, überlebte sie Misshandlungen, Verhaftungen, schwere Krankheiten, sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse und viele hoffnungslose Momente. «Erst durch das Schreiben ist mir bewusst geworden, dass ich über all das nur berichten kann, weil mich im Unglück das Glück eben doch nie ganz verlassen hat», erklärt Ruun Cali dem aufmerksamen Publikum. 

Hilfsbereite Tessinerinnen und Tessiner

Das Glück im Unglück begleitet die mutige Somalierin auch in der Schweiz. Überall findet sie dank ihres aufgeschlossenen und wissensdurstigen Wesens Menschen, die sie gerne begleiten und unterstützen: Der mitfühlende Busfahrer William, der ihr Käse und Brot bringt, oder Marlis und Gianfer, die ihr in Bellinzona das Fahrradfahren beibringen und ihr als Krönung ein neues Velo schenken, sind nur einige davon. Solche Netzwerke und das menschliche Engagement von Wegbegleiterinnen und -begleitern sind für eine erfolgreiche und nachhaltige Integration unersetzlich. Sie bewirken, dass aus anfänglich fremden Geflüchteten aktive Nachbarinnen, verlässliche Mitarbeiter, hilfsbereite Freunde werden, die an unserer Gesellschaft teilhaben, sie mitgestalten und bereichern. «Eigentlich verstehe ich die Abneigung gegenüber fremden Menschen in diesem Land nicht», sagt Luca Brughelli, der im Verzascatal aufgewachsen ist. «Unser Wohlstand ist wesentlich mitgeprägt von der Arbeitskraft der Ausländerinnen und Ausländer. Ohne sie wäre die Schweiz niemals so erfolgreich.»

Perspektive zeigt Richtung Gotthard

Szenenwechsel in die kleine Küche der Osteria Tremola San Gottardo: Ruun Cali und Luca Brughelli bereiten gerade Saltimbocca mit Biogemüse aus dem eigenen Garten zu. Sie arbeiten sich sorgfältig und konzentriert in die Hände, scherzen und lachen dabei oft verschwörerisch, wie es eben vertraute Freunde tun. «Wenn ich spüre, dass jemand wirklich etwas erreichen will, dann bin ich zu vielem bereit», sagt Luca Brughelli, der sich sowohl in Bellinzona wie in Airolo Gault Millau-Auszeichnungen erkocht hat. «Schon als Praktikantin im Restaurant <Mistral> in Bellinzona hat Ruun viel Engagement und Talent gezeigt. Mit ihrer Lebenserfahrung und ihrer starken Persönlichkeit hat sie schon viel erreicht – und sie wird noch viel erreichen.» Er ist es schliesslich, der Ruun Cali mit einem Arbeitsvertrag aus der psychisch belastenden und wirtschaftlich kaum Perspektiven bietenden Situation holt, die eine vorläufige Aufnahme (F-Ausweis) bedeutet. Sie habe zahlreiche Praktika gemacht, schreibt Ruun Cali, um jedes Mal am Schluss hören zu müssen, dass ihr Italienisch noch nicht ausreichend sei und dazu der F-Ausweis keine Sicherheit böte, dass sie auch mit einem Arbeitsvertrag in der Schweiz bleiben werde. «Herumzusitzen ist wirklich das Schlimmste für Asylsuchende», sagt sie rückblickend. «Du weisst, dass das Geld für dich von den Steuern kommt, also von der Bevölkerung, und hast ständig das Gefühl, du würdest diesen Menschen auf der Tasche liegen. Ich schämte mich dafür und fühlte mich wie ein schweres Gewicht für diese Gesellschaft». 

Crèfli – Integrationsgebäck aus Airolo

Luca Brughelli führt Ruun vier Jahre in die Techniken und Geheimnisse der «Haute Cuisine» ein und überzeugt sie schliesslich, Teil seines neuen Abenteuers in Airolo zu werden: einem Restaurant mit acht Hotelzimmern. Ein Bed & Bike für Velo- und Wanderbegeisterte, die Freude an der Geschichte und den physischen Herausforderungen des grössten historischen Strassenbauwerks der Schweiz haben: der Tremola San Gottardo.

Neben der anstrengenden Aufbauarbeit für die Osteria und die Pension bäckt sich Ruun Cali in die Herzen der Menschen von Airolo. Behutsam, aber beharrlich knackt sie das geheimnisvolle Rezept für die Crèfli, das traditionelle nahrhafte Spezialgebäck für die Schneeschaufler und Postboten am Gotthardpass. Ganz Airolo ist begeistert und stolz auf «die erste Somalierin, die in Airolo Crèfli produziert», schreibt Ruun. Luca Brughelli legt ihre Crèfli als Willkommensgebäck in die Hotelzimmer und verkauft sie in der Osteria. Lehrerinnen und Lehrer ermuntern sie, den Schulkindern ihre Geschichte zu erzählen. «Heute ist Airolo meine Wahlheimat», lacht sie, öffnet die Balkontüre ihrer Wohnung und zeigt den wundervollen Weitblick über die Leventina. «Ich habe endlich ein Zuhause und meine innere Ruhe gefunden.»

Köchin und Familienverantwortliche

2019 wagt sich Ruun Cali, die in Afrika nie eine Schule von innen gesehen hat, an die Kochlehre. «Die Lebensschule, die ich gemacht habe, bevor ich in die Schweiz kam, hat mir die Kraft, den Willen und die Beharrlichkeit gegeben, um diese Schule zu meistern», schreibt sie dazu im Buch. «Ich habe zuerst lernen müssen, zu lernen». Luca Brughelli unterstützt und motiviert sie, Freunde büffeln mit ihr den Fachjargon. Kurz vor der Covidkrise, nach zwei harten Jahren, schafft sie den Abschluss und weint vor Glück. Luca Brughelli organisiert für sie ein Praktikum bei Tanja Grandits im Restaurant Stucki. Im folgenden Jahr schickte er sie zu Andreas Caminada ins Schloss Schauenstein, ein mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnetes Restaurant in Fürstenau. «Ich bin stolz auf sie. Ich brauche eine Spitzenköchin, die ihr Handwerk beherrscht, damit wir wachsen und das hohe Niveau unseres Restaurants halten können und damit sie die besten Aussichten für ihre Zukunft hat», erklärt ihr Förderer.

Inzwischen finanzieren die Crèfli das Waisenheim-Projekt «Kalamaan» in Somalia mit. Ruun hat mithilfe der somalischen Diaspora ihre Familie wiedergefunden, pflegt den Kontakt und ist 2021 erstmals wieder in ihr Herkunftsland gereist. Inzwischen haben dieselben Eltern, die sie damals fortgeschickt hatten, viele Waisenkinder bei sich aufgenommen. Ein Widerspruch in sich? Auf den ersten Blick vielleicht schon, doch wie vieles, ist auch dieses Kapitel ein weiteres tiefgründiges Puzzleteil von Ruuns reicher Lebensgeschichte. Und eine Frau wie Ruun Cali bewältigt auch diesen Schmerz – wie so oft und bewährt – mit einer Handlung. Sie baute zusammen mit ihrer Familie das offizielle Waisenheim «Kalamaan» mit medizinischer Versorgung und Bildungsmöglichkeiten auf. «Heute lebe ich zwei Leben: eines als Köchin, privilegiert in der Schweiz, und eines als Verantwortliche für eine grosse Familie im gebeutelten Somalia.»

Weiterführende Links:

  • Ruun Calis Buch «Portata dal vento. Il mio cammino da Mogadiscio ad Airolo.» ist 2025 vom Istituto Editoriale Ticinese mit Unterstützung des Kantons Tessins, der Gemeinde Airolo und der Ernst Göhner Stiftung publiziert worden. Wird das Buch direkt bei Ruun Cali in der Osteria Tremola bezogen, gehen 30 Prozent an ihr Waisenheim-Projekt «Kalamaan». Eine französische und deutsche Übersetzung ist vorgesehen. https://www.istitutoeditorialeticinese.ch/prodotto/portata-dal-vento/
  • Zur Buchpublikation gab Ruun Cali im November 2025 ein Interview im Schweizer Fernsehen (RSI)
  • SFH-Factsheet Somalia, 2026 DE, IT

 

 

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