Ein neuer Alltag am CHUV

Fitsum Girmay hat sich mit Geduld und Entschlossenheit ein neues Leben in der Schweiz aufgebaut. Heute lebt er in Prilly bei Lausanne – mit seiner Frau, die vor kurzem in die Schweiz gekommen ist – und arbeitet am CHUV (Centre hospitalier universitaire vaudois). Er schätzt den menschlichen und sozialen Aspekt seines Berufs und die Sicherheit, die ihm ein festes Einkommen bietet.

Von Jonas Hänggi, Redaktor Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH)

Eine grosse Bereitschaft, zu helfen

Noémie Binggeli, eine Kollegin, mit der Fitsum Girmay regelmäßig im Team arbeitet, schätzt den Arbeitsalltag mit ihm: «Man spürt bei ihm einen großen Respekt vor älteren Menschen, der bei uns vielleicht ein wenig verloren gegangen ist.» Seine Patientinnen und Patienten wissen oft nicht, welche schweren Schicksalsschläge dieser junge Mann durchlebt hat, der sich so aufmerksam und wohlwollend um sie kümmert. Er ist ruhig, hat ein offenes Ohr für die Patient*innen und schätzt den Austausch mit ihnen.

Zusammen mit seinem Team ist er für die Verteilung der Medikamente, die Überwachung der Patient*innen sowie für deren tägliches Wohlbefinden verantwortlich. «Fitsum kam mit einem grossen Willen zu helfen hierher. Er bringt Freude und gute Laune mit, was uns sehr hilft, vor allem an den längeren und manchmal schwierigen Tagen», sagt Noémie Binggeli. «Fitsum war sofort Teil unseres Teams. Die Zusammenarbeit mit ihm läuft reibungslos und die Kommunikation ist unkompliziert.» Sie findet, dass die Medien mehr Fälle wie den von Fitsum zeigen sollten, in denen Integration funktioniert.

Durch die WĂĽste

Eritrea ist eine repressive Diktatur, in der Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Männer, Frauen und auch Kinder werden in den Nationaldienst mit unbegrenzter Dauer eingezogen und sind dort schweren Ăśbergriffen ausgesetzt. Niemand – nicht einmal seine Familie und seine engsten Freunde – wusste von Fitsum Entscheidung, sein Land zu verlassen. Ende 2014 flĂĽchtete er aus Eritrea und kam im Juni 2015 in der Schweiz an. Seine gefährliche Reise dauerte sieben Monate und war geprägt von Einsamkeit und ständiger Ungewissheit. Ăśber die UNHCR-FlĂĽchtlingslager in Kassala und Shagarab im Sudan gelangte er nach Khartum, der Hauptstadt des Landes. Die von Schleppern organisierten Fahrten mit Autos und Lastwagen waren riskant: Fitsum erlebte drei Unfälle mit, da die Fahrzeuge nachts ohne Scheinwerfer fuhren, um nicht entdeckt zu werden. 

Ein unbekanntes Ziel

Er blieb etwa drei Monate in Khartum, fand dort über Kontakte eine befristete Arbeit in einer Fabrik und eine Unterkunft. Er hatte keine Papiere, und war in grosser Sorge vor der örtlichen Polizei. Daher beschloss er, erneut aufzubrechen. Zu diesem Zeitpunkt wusste Fitsum noch nicht, wohin seine Reise gehen würde. Er verliss den Sudan in Richtung Libyen, mit einem Konvoi, der erneut von anonymen Schleusern organisiert wurde. Während einer Panne in der libyschen Wüste starb die Gruppe, mit der er unterwegs ist, fast vor Durst, da sie nicht genug Wasser hat. Die Lage ist so verzweifelt, dass sie mit Diesel versetztes Wasser getrunken haben.

Italien und schliesslich die Schweiz

Von Libyen aus gelangte Fitsum mit dem Boot nach Italien. Die Überfahrt über das Mittelmeer war so schlimm, dass er traumatisiert dort ankam. Nach einigen Tagen vor Ort beschloss er, weiter nach England zu reisen. Er schloss sich einer kleinen Gruppe an und fuhr mit dem Zug nach Norden. Bei einer Kontrolle in Chiasso wurde Fitsum von der Polizei festgenommenund in das Bundesasylzentrum in Altstätten gebracht. Sein Aufenthalt im Kanton St. Gallen war nur von kurzer Dauer: Nach einer Woche wurde er Lausanne zugewiesen, wo seine Odyssee ein Ende findet.

Langes Warten und ein Beruf im Gesundheitswesen

Nach seiner Ankunft in Lausanne findet Fitsum schnell seinen Weg in einen neuen Beruf. Trotz der Ungewissheit über seinen Aufenthaltsstatus in der Schweiz und damit einer ungewissen Zukunft nahm er Französischunterricht, fand eine Gastfamilie und absolvierte eine Ausbildung zum Pflegehelfer sowie verschiedene Berufspraktika.

Nach drei Jahren Wartezeit erhielt er 2018 den B-Ausweis. Endlich konnte er arbeiten und lebte nicht mehr in der ständigen Angst, wieder gehen zu müssen. Diese Wartezeit war seiner Meinung nach einer der schwierigsten Aspekte des Asylverfahrens: «Man weiss weder, wann die Entscheidung getroffen wird, noch wie sie ausfallen wird. Man erhält keinerlei Informationen. Und das über Jahre hinweg.» Wenn er eine Sache an diesem System ändern könnte, wäre es, die Entscheidungsprozesse zu beschleunigen.

Fitsums Nachbarin Gaétane hilft ihm bei den Behördengängen. Noch während er in der Institution de Béthanie in Lausanne arbeitete, begann er 2021 eine berufsbegleitende Ausbildung zum Fachmann für Pflege und Gesundheitswesen (ASSC), die er 2024 erfolgreich abschloss. SSein Umfeld – und die Arbeit haben ihm die nötige Kraft gegeben nicht aufzugeben

Seit 2025 arbeitet Fitsum als Mitarbeiter Bildungsprojekte fĂĽr die  SFH.. Er nimmt regelmässig als Referent an Bildungsveranstaltungen teil und erzählt dort seine Geschichte. 

«Eritrea fehlt mir sehr»

Der Grossteil seiner Familie – seine Eltern und sieben seiner acht Geschwister – ist in Eritrea geblieben. Einer seiner BrĂĽder lebt in den Niederlanden. Mit ihm steht Fitsum am regelmässig in Kontakt. Der Austausch mit seiner Familie in Eritrea ist schwieriger, da die Kommunikation per Telefon oder Internet aufgrund instabiler Verbindungen oft unterbrochen wird. 

Er vermisst sein Land und seine Familie sehr. Wenn es die Lage in Eritrea zuliesse, würde er zu seinen Angehörigen und in die kleine Stadt im Süden des Landes zurückkehren, in der er aufgewachsen ist. Er erinnert sich an die vielen religiösen Feste – die Christen und Muslime gemeinsam feiern – und an seine Schulzeit, die eine «der schönsten Phasen» seines Lebens war. Auch die Solidarität und die gegenseitige Hilfe, die in der eritreischen Kultur tief verwurzelt sind, fehlen ihm: «Trotz einer oft begrenzten Infrastruktur sind die Menschen füreinander da und unterstützen sich gegenseitig».

Lesen und Fussball 

Fitsum verbringt viel Zeit in der Kantons- und Universitätsbibliothek am Place de la Riponne, wo er sich über Neuigkeiten in seinem Beruf informiert. Er ist zudem ein begeisterter Fussballspieler und Fan des englischen Clubs Arsenal FC. Wenn er sich die Spiele seines Lieblingsvereins ansieht, verfolgt er vor allem den norwegischen Spieler Martin Odegaard mit besonderer Aufmerksamkeit, da dieser auf derselben Position spielt wie er. Er träumt davon, eines ihrer Spiele in England live zu sehen. Um fit zu bleiben, joggt Fitsum regelmässig durch Lausanne.

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