«Wir wollen Schweizer sein, die ihre TĂŒren fĂŒr andere offen halten»

Renate und Christoph Schmocker haben ĂŒber ein Jahr eine ukrainische Mutter mit zwei Töchtern im Alter von 17, respektive 19 Jahren aus Kiew beherbergt.

Interview: Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische FlĂŒchtlingshilfe (SFH)

Renate und Christoph Schmocker; Sie haben ĂŒber ein Jahr eine ukrainische Mutter mit ihren zwei Töchtern in Ihrem Haus beherbergt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Renate Schmocker: «Die ersten drei Monate waren intensiv, doch sehr bereichernd. Es gab administrativ einiges zu tun, vieles zu erklĂ€ren und zu zeigen und auch fĂŒr uns selbst als Gastfamilie zu klĂ€ren. Erste BehördengĂ€nge haben wir oft zusammen geplant. Sprachlich war es nicht einfach und wir haben uns anfangs mit Skizzen, Gesten und Übersetzungs-Apps verstĂ€ndigt. Bald war das Wichtigste aufgegleist, etwa Finanzierung, MobilitĂ€t, Krankenversicherung, Einrichtung eines Bankkontos. Als die Ausbildungen der beiden Töchter und der Arbeitsplatz der Mutter organisiert waren, brach fĂŒr alle eine geschĂ€ftige Zeit an, jede im eigenen Tagesrhythmus. Nach fĂŒnf Monaten bewegten sich Oksana, Anna und Yuliia in ihrem neuen Umfeld mehr oder weniger selbststĂ€ndig und unabhĂ€ngig von uns.»

Welche Rolle nahmen Sie am Anfang des Zusammenlebens als Gastfamilie ein?

Christoph Schmocker: «Wir setzten uns mit unserem Wissen als SchweizerbĂŒrger und mit unserem Beziehungsnetz wie eine Art Coach oder FĂŒrsprecher fĂŒr ihre Anliegen ein. Wir ĂŒbernahmen zum Beispiel Telefonate oder Anfragen, weil das ohne genĂŒgende System- und Sprachkenntnisse schwierig ist. Wir zeigten den GĂ€sten, wie man im Second Hand Shop, bei einer Stellenvermittlung oder am Gymnasium die besten Lösungen findet. Die drei Frauen sind sehr bescheiden und immer offen, Neues zu lernen. Wir waren deshalb nie konfrontiert mit hohen AnsprĂŒchen, es gab eigentlich nie Konflikte zwischen uns.»

Renate Schmocker: «Wir haben ihre BedĂŒrfnisse abgefragt und sie dazu ermutigt, auszusprechen, wenn sie was brauchen. Wir haben jedoch nie eingefordert, sondern ihnen nur empfohlen, wie sie vorgehen könnten und unsere UnterstĂŒtzung angeboten. Ich denke, auf diese Weise liessen sie sich auch helfen und so entstanden konkrete PlĂ€ne, welche sie erfolgreich umsetzen konnten. So traute sich Oksana zum Beispiel bald zu sagen, es sei ihr zu langweilig und sie unbedingt arbeiten möchte – alles ausser putzen.»

Das Zusammenleben hat gut funktioniert. Warum?

Renate Schmocker: «Ich glaube, am wichtigsten ist die Tatsache, dass die Ukrainerinnen in einer eigenen Wohnung leben können. Diese sollten getrennt sein, mit getrenntem Bad und eigener KĂŒche, damit alle genĂŒgend Platz fĂŒr den eigenen Lebensrhythmus haben. Das ist bei uns mit den zwei Wohnungen ideal. Zweitens haben wir jeden Schritt unserer GĂ€ste hin zu einem unabhĂ€ngigen Leben gefördert und auch ihre eigenen Lösungswege respektiert, selbst, wenn uns diese manchmal etwas umstĂ€ndlich erschienen. Drittens kommt es auf die Persönlichkeiten an. Es braucht von allen eine offene, flexible Haltung und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Da hatten wir mit Oksana, Anna und Yuliia einfach GlĂŒck!»

Man kann sich die Persönlichkeiten der GĂ€ste nicht aussuchen


Christoph Schmocker: «So ist es. Die drei Frauen haben es uns leicht gemacht. Wir sind GĂ€ste, sagten sie, also verhalten wir uns wie ein rĂŒcksichtsvoller, anstĂ€ndiger Gast. Gleichzeitig packten sie ihre Chancen, entdeckten in den ersten Wochen mit dem kostenlosen GA die ganze Schweiz, besuchten Museen und andere ukrainische GeflĂŒchtete, suchten selbst Deutschkurse und konnten sich mit geschicktem Einkaufen innerhalb ihres bescheidenen Budgets organisieren und gut einrichten.»

WĂ€hrend des Zusammenlebens arbeiteten Sie beide, dazu haben Sie auch ein Privatleben. Wie sind Sie mit Ihrer zeitlichen VerfĂŒgbarkeit umgegangen?

Christoph Schmocker: «Wir haben die Beziehung von Beginn weg strukturiert: Jeden Mittwochabend hatten wir gemeinsam gegessen, einmal in ihrer Wohnung, einmal in unserer Wohnung. So entstand ganz natĂŒrlich regelmĂ€ssig eine Möglichkeit fĂŒr die drei Frauen, ihre Fragen und BedĂŒrfnisse mit uns zu besprechen. Das hatte sich sehr bewĂ€hrt. Nach einem halben Jahr löste sich diese Struktur ebenso natĂŒrlich wieder auf, weil sie nicht mehr nötig war und wir uns je nach Bedarf und spontan trafen und Dinge besprechen konnten.»

Was schafft NĂ€he und Vertrauen?

Renate Schmocker: «Hobbys sind gute TĂŒröffner. Yuliia spielt Geige, also suchten wir eine Geigenlehrerin und ein Orchester, wo es ihr Spass macht mitzuspielen. Anna studiert Japanisch, also versuchten wir, fĂŒr sie Anschluss an eine Japansprachgruppe der japanischen Botschaft zu organisieren – sie geht da bis heute jeden zweiten Mittwoch hin.»

Christoph Schmocker: «Ich glaube auch, dass diese Art von UnterstĂŒtzung das Vertrauen fördert. Denn eigentlich kommt man als Gast unvorbereitet zu wildfremden Menschen und muss am Anfang einfach Vertrauen haben in die Tipps und in das Netzwerk einer Gastfamilie.»

Gab es einen Moment, wo Sie spĂŒrten, jetzt ist das Vertrauen da?

Renate Schmocker: «Vielleicht war es die Symbolik hinter den Geschenken an Weihnachten? Sie haben uns eine wunderschön bestickte ukrainische MĂ€nner- und Frauentracht geschenkt, wie angegossen geschneidert, ich bekam HĂŒhnerhaut! Wir waren sehr berĂŒhrt und bekamen das GefĂŒhl, dass wir fĂŒr sie zu einem Teil ihrer Familie geworden sind.»

Haben Ihnen die Angebote der Schweizerischen FlĂŒchtlingshilfe (SFH) fĂŒr die Gastfamilien geholfen?

Renate Schmocker: «Ich fand den Rhythmus und die Inhalte der Kommunikation mit den Gastfamilien sehr gelungen, nicht zu viel und nicht zu wenig. Die BeratungsgesprĂ€che gab es damals noch nicht, aber es kamen regelmĂ€ssig E-Mails mit Angeboten fĂŒr uns und Hinweisen auf neue Informationen auf der Website in ukrainischer Sprache, die wir den GĂ€sten weitergeben konnten. FĂŒr uns als Gastfamilie vermittelte die SFH so eine Sicherheit und ein gutes GefĂŒhl, dass man die grosse Verantwortung fĂŒr das Wohlergehen und die BedĂŒrfnisse der GĂ€ste gemeinsam trĂ€gt.»

Ist es Ihrer Ansicht nach wichtig, dass Gastfamilien in eine Organisation eingebunden sind?

Renate Schmocker: «Wir finden es sehr wichtig, dass es eine professionelle Anlaufstelle gibt und hinter dem Gastfamilienprojekt eine etablierte Organisation wie die SFH steht. Eine gute EinfĂŒhrung und die Möglichkeit fĂŒr individuelle BeratungsgesprĂ€che sensibilisieren einen auf das, was kommt und auf was man sich einlĂ€sst. Ohne professionelle Guidance sind die GastfamilienverhĂ€ltnisse weniger stabil und bergen mehr Konfliktpotential. Heute weiss man, dass viele, die auf eigene Faust ukrainische GeflĂŒchtete aufgenommen haben, nach kurzer Zeit damit ĂŒberfordert waren.»

Die SFH konnte allerdings am Anfang keine persönlichen BeratungsgesprĂ€che durchfĂŒhren.

Renate Schmocker: «Aber die SFH hat mit dem Antragsformular fĂŒr die Gastfamilien geschickt das Bewusstsein fĂŒr diese Rolle geschĂ€rft: Ich habe es am 5. MĂ€rz ausgefĂŒllt und im Nachhinein erkannt, wie hilfreich das war – eine AnwĂ€rme sozusagen, fĂŒr das, worauf man sich einlassen muss als Gastfamilie. Die detaillierten Fragen lösten nochmals einen Denkprozess aus, was es tiefgreifend bedeutet, wildfremde Menschen bei sich aufzunehmen. In der Anfangsphase, bewegt von SolidaritĂ€t und MitgefĂŒhl, ĂŒberlegt man sich das oft gar nicht.»

Sie arbeiteten und lebten hĂ€ufig in einem internationalen Rahmen. Ist dies hilfreich fĂŒr das Zusammenleben?

Christoph Schmocker: «Wir haben mit unseren beiden Töchtern sechs Jahre in Kapstadt gelebt. Dort wurden wir wie GĂ€ste aufgenommen, viele Leute haben sich um uns gekĂŒmmert. Da konnten wir als Schweizer viel lernen und wollen nun auch etwas zurĂŒckgeben. Wir haben keine Angst vor Fremden. Ich erinnere mich an einen Mitarbeiter von Terre des hommes aus Westafrika, der mir einmal erzĂ€hlte, dass er zwar von AuslĂ€ndern sehr viel eingeladen werde, aber nach drei Jahren in der Schweiz noch nie von Schweizern zu einem Z’Nacht nach Hause eingeladen wurde
 Schon damals wusste ich: Wir wollen Schweizer sein, die ihre TĂŒren fĂŒr andere offen halten – insbesondere wenn sie vor dem Krieg flĂŒchten mussten!»

Seit April 2023 wohnt Mutter Oksana mit den beiden Töchtern Anna und Yuliia in einer Mietwohnung im gleichen Quartier. Das haben sich alle so gewĂŒnscht, damit sie weiterhin in Kontakt bleiben. Der Auszug erfolgte, weil Renate und Christoph Schmocker einen lĂ€ngeren Auslandaufenthalt planen.

 

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