«Ich habe mich einfach mal vorgestellt…»

Was herauskommen kann, wenn man bei den fremden Nachbarn anklopfen geht.

Vor zwei Jahren kamen Lucy Ilchenko und ihr Mann mit ihren beiden Kindern aus der ukrainischen Millionenstadt Kiew ins Berner Oberländer Dorf Ringgenberg bei Interlaken. Dort fanden sie in Barbara Huber und deren Familie nicht nur gute Freunde, sondern auch eine Gemeinschaft, zu der sie sich immer mehr zugehörig fĂĽhlen.  

Lucys und Barbaras Söhne sind nicht nur gleich alt, sondern auch best Buddies. Das war nicht immer so, denn als die Familie aus Kiew vor zwei Jahren nebenan einzog, war Barbaras Bub Levi zunächst etwas kontaktscheu. «Irgendwie konnte er das mit Oleksii nicht recht einordnen. Doch beide Jungs toben gerne draussen herum. Kinder brauchen keine gemeinsame Sprache, um miteinander zu spielen.»  

Barbara erzählt weiter: «Da wir in der Ăśberbauung so etwas wie eine Hauswartsfunktion haben, bin ich einfach mal klopfen gegangen. So kam der Kontakt auch mit Lucy und ihrem Mann ganz natĂĽrlich zustande.» 

Heute ist Oleksii (9) in Ringgenberg in der Schule. Sein kleiner Bruder Ivan (3) besucht die KiTa «Sunnsyta», wenn Mutter Lucy arbeitet.  

Indes werden die sprachlichen HĂĽrden auch fĂĽr die Eltern immer kleiner. Während Vater Dima in der Firma Trauffer AG in Brienz traditionelle HolzkĂĽhe schnitzt, arbeitet Lucy im Ringgenberger Dorfladen.  

«Ich fĂĽhle mich zugehörig, wenn ich mit Menschen kommunizieren kann», berichtet sie. «Viele Kund*innen erkennen mich bereits wieder. Wir können ein paar Worte wechseln oder ein kurzes Gespräch fĂĽhren. Das gibt mir das GefĂĽhl, Teil der Gemeinschaft zu sein.» 
Heute sind nicht bloss die Jungs befreundet, sondern auch deren Eltern. Lucy erzählt: «Wenn uns die Nachbarn zum Quartierfest einladen, genau wie alle anderen Schweizer Familien auch, dann fĂĽhlen wir uns als Teil dieser Nachbarschaft. Es macht mich glĂĽcklich, wenn ich jemanden unterstĂĽtzen kann, zum Beispiel, indem ich auf die Nachbarskinder aufpassen oder bei der Gartenarbeit helfen kann. Mein Mann wiederum hat unserer Schweizer Freundin schon dabei geholfen, schwere Gegenstände in den Keller zu tragen. All diese alltäglichen Gesten und Handreichungen stärken unser ZugehörigkeitsgefĂĽhl zu unserem neuen Land.» 

Und was Lucy von ihren Nachbarn lernt, gibt sie nun ihrerseits weiter an neu angekommene GeflĂĽchtete aus der Ukraine. «FĂĽr eine erfolgreiche Integration sind Offenheit, der Wille zu lernen und die Bereitschaft, sich an die neue Kultur anzupassen, entscheidend. Barbara erinnert mich nicht bloss daran, wenn wir etwas fĂĽr die Schule vorbereiten mĂĽssen; das von ihr Gelernte Wissen ĂĽber das Schweizer Schulsystem kann ich nun meinerseits weiterreichen.»  

Weil Lucy durch Barbaras Familie bereits mit lokalen Bräuchen vertraut gemacht worden ist, kann sie auch dieses Wissen weitergeben. «Ich erzähle den neu Angekommenen zum Beispiel ĂĽber den Dreikönigstag oder von den Schweizer Ostertraditionen.»  

Diese Traditionen werden von der örtlichen Kirchgemeinde aktiv gelebt. Mittlerweile ist es in Ringgenberg Brauch, dass auch die Ukrainerinnen ihre Osterkuchen zur Osterfeier in die Kirche bringen. Diese werden dann beim anschliessenden Kirchenkaffee gemeinsam genossen, und dabei werden die traditionellen Rezepte ausgetauscht.  

Die Unterstützung durch Freiwillige und Organisationen, die Menschen in der neuen Umgebung begleiten, ist für Lucy von grosser Bedeutung. «Dank ihnen verbessere ich meine Deutschkenntnisse, und gleichzeitig helfe ich anderen Ukrainer*innen mit der Grammatik oder erkläre ihnen Themen aus dem Sprachkurs, die sie nicht ganz verstanden haben. Zugehörig fühle ich mich dann, wenn ich einen Witz auf Deutsch machen oder eine humorvolle Bemerkung verstehen kann. Solche Momente bedeuten mir viel!»