Der Busbahnhof im Westen von Afghanistans Hauptstadt Kabul, Oktober 2016. © Norwegian Refugee Council/Jim Huylebroek

Afghanistan

Der bewaffnete Konflikt in Afghanistan dauert an. Die Sicherheitslage verschlechtert sich im ganzen Land weiter. Trotzdem halten die schweizerischen Behörden eine Wegweisung von afghanischen Asylsuchenden in die Städte Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif weiterhin für zumutbar, sofern diese dort ein familiäres oder soziales Netzwerk haben. Diese Praxis ist angesichts der Realität vor Ort unhaltbar.

Das schreckliche Attentat in der Hauptstadt Kabul vom 31. Mai 2017 hat wieder einmal verdeutlicht, in welchem Ausmass die afghanische Zivilbevölkerung sogar in den Städten von Gewalt betroffen ist. Mehr als 150 Menschen wurden dabei getötet und über 300 verletzt, die meisten von ihnen Zivilpersonen. Zwischen Januar 2015 und Anfang Juni 2017 wurde allein in international zugänglichen Medien von mindestens 66 Anschlägen in der Hauptstadt Kabul berichtet. Zwar sind die erklärten Ziele vieler Anschläge Regierungsinstitutionen, internationale Organisationen und Einrichtungen der afghanische Armee und Polizei. Allerdings werden dabei jeweils auch viele Angehörige der afghanischen Zivilbevölkerung getötet und verletzt. Mehrere in jüngerer Zeit durch Daesh («Islamischer Staat») in Kabul verübte Anschläge zielten direkt darauf ab, Zivilpersonen zu töten und zu verletzen.

Unsichere Lage in ganz Afghanistan
Der UN-Generalsekretär und das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR berichteten in den vergangenen Monaten von einer deutlichen Verschlechterung der Sicherheitslage in ganz Afghanistan. Die Kämpfe zwischen den von internationalen Truppen unterstützten afghanischen Sicherheitskräften und bewaffneten Oppositionsgruppen wie den Taliban und Daesh («Islamischer Staat») finden weiterhin im Süden und Osten des Landes statt. Zunehmend sind auch der Norden, der Nordosten und der Westen betroffen. Weite Teile des Landes sind umkämpft oder werden von den Taliban kontrolliert. Nach Aussagen schutzsuchender Afghaninnen und Afghanen in der Schweiz ist die schlimme Sicherheitslage auf dem Land wie in den Städten der Hauptgrund für ihre Flucht.
> «Alternative Fakten» zur Situation in Afghanistan (Fakten statt Mythen vom 22. März 2017)

Asylgesuche in der Schweiz
Insgesamt sind die Asylgesuche aus allen Herkunftsländern 2016 im Vergleich zu 2015 stark zurückgegangen, was sich auch in den Statistiken zu Asylgesuchen aus Afghanistan widerspiegelt. 2016 haben 3229 Menschen aus Afghanistan Zuflucht in der Schweiz gesucht. Im Jahr 2015 waren es noch 7831. Zwischen Anfang Januar und Ende Mai 2017 haben 466 Afghaninnen und Afghanen ein Asylgesuch gestellt. Die Schutzquote (Asyl und vorläufige Aufnahme, ohne Nichteintretensentscheide) ist weiterhin hoch: Sie lag 2015 bei 92,2 Prozent, 2016 bei 89,4 Prozent und von Januar bis Mai 2017 bei 91,1 Prozent. Die Zahl der asylsuchenden Afghaninnen und Afghanen in der Schweiz, deren Schutzbedarf von den schweizerischen Behörden anerkannt wird, ist also weiterhin hoch, wobei die Mehrheit der Afghaninnen und Afghanen mit anerkanntem Schutzbedarf den Status der vorläufigen Aufnahme erhält.

> Asylstatistik des SEM

Zur Schutzquote (Asyl und vorläufige Aufnahme, ohne Nichteintretensentscheide):
> Irreführende Asylstatistiken des SEM (Fakten statt Mythen vom 25. November 2015)

SFH-Länderberichte
Die Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe recherchiert regelmässig über die Situation in diesem kriegsgeschüttelten Land. Die Länderexpertinnen und –experten erstellen laufend Berichte über die Sicherheitslage in verschiedenen Gebieten Afghanistans wie auch über die Situation und Gefährdung bestimmter Personengruppen.
> SFH-Länderberichte und Schnellrecherchen zu Afghanistan

Wer für Frieden einsteht, ist gefährdet
Afghaninnen und Afghanen, die sich am Versöhnungs- und Friedensprozess beteiligt haben, müssen oft um ihr Leben fürchten. Mortaza Shahed hat am eigenen Leib erfahren müssen, dass niemand ihn, seine Familie und seine Angehörigen schützt.
> Geschichte von Mortaza Shahed