Flüchten bei Schnee und Regen beim Simulationsspiel, diskutieren darüber im warmen Kirchgemeindehaus. © SFH/Barbara Graf Mousa

«Wenn die Politik ändert, müssten wir vielleicht flüchten»

Das Bildungsteam der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH bietet zahlreiche Weiterbildungen und erlebnispädagogische Angebote für unterschiedliche Zielgruppen an. Der Projekttag «Flucht und Asyl» eignet sich mit dem Simulationsspiel gut für Konfirmandengruppen und Schulklassen.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH

Samstagmorgen im Januar im Kirchgemeindehaus im aargauischen Windisch. Da ein Kichern, dort ein aufblitzendes Handy, neugierig und gespannt harren 24 Konfirmandinnen und Konfirmanden der Dinge. Am Morgen steht die Simulation einer Flucht auf dem Programm, nachmittags gibt es Filmausschnitte zu sehen und eine persönliche Fluchtgeschichte zu hören. Klingt nach viel Unterhaltung mit etwas Gedankenaustausch. Weit gefehlt: «Der Workshop knüpft direkt an die Lebenswelt von jungen Menschen an», sagt Barbara Roedlach, Leiterin der SFH-Bildungsabteilung. «Sie sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihnen und jungen Geflüchteten entdecken und spielerisch Klischees und Vorurteile hinterfragen.»

Perspektivenwechsel

«Wann müsstet ihr flüchten und sofort die Schweiz verlassen?» Die Frage des SFH-Migrationsfachmanns Gasim Nasirov irritiert zunächst. Stille, dann etwas Getuschel und eine erste zögerliche Antwort: «Bei Terroranschlägen». Natürlich, wenn die Sicherheit im Land bedroht ist, ermuntert der Workshopleiter die 15-jährigen Jugendlichen. Sie fassen Mut und nun sprudeln die Antworten: «Wenn ich diskriminiert würde», «wegen Naturkatastrophen», «wenn die Politik ändert und wir die Neutralität verlieren». Der Perspektivenwechsel führt die Jugendlichen über ihre eigenen Gedanken zu den «klassischen» Fluchtgründen von Schutzsuchenden.

«Wir buchen das SFH-Bildungsangebot Flucht und Asyl mit dem Simulationsspiel nun schon seit zehn Jahren für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden», erklärt Pfarrer Peter Weigl. «Die Jugendlichen bleiben dabei nicht aussenstehende Beobachter, sondern geraten in Bewegung, erleben simulierte Stationen einer Flucht und erfahren am eigenen Leib, wie wenig Kontrolle sie dabei behalten, wie ausgeliefert sie den Umständen und wildfremden Drittpersonen gegenüber sind. Dieser Perspektivenwechsel und die Begegnung mit anerkannten Flüchtlingen, die ihre Fluchtgeschichte erzählen, hinterlassen Spuren.»

Am Ende des Workshops haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden selber herausgefunden, dass Menschen in der Schweiz Schutz suchen, weil sie vor Krieg, Verfolgung, politischer Unterdrückung, Diskriminierung, Armut und Krankheit flüchten – und vor allem, dass es jeden treffen kann. «Wenn ich morgen einen Flüchtling sehe, werde ich an das von heute denken und ihm anders begegnen», sagt ein junger Mann tief beeindruckt.