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Erfolgreich jonglieren zwischen Beruf und Familie

Mit 26 Jahren hat Nazriet Yosief aus Eritrea schon viel erreicht. Sie hat das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis als Detailhandelsfachfrau erworben und absolviert zurzeit eine Ausbildung als kaufmännische Angestellte.

Von Karin Mathys, Redakteurin bei der SFH

Nazriet Yosief war 19 Jahre alt, als sie im Rahmen der Familienzusammenführung in die Schweiz kam. Sie sprach kein Wort Französisch. Dass sie die Sprache heute fliessend beherrscht, verdankt sie vor allem ihrer Entschlossenheit und ihrem pragmatischen Denken. Sie hat sich selbst sehr schnell strenge Regeln gesetzt und diese diszipliniert eingehalten. «Ich wollte Französisch lernen und schnell Fortschritte machen. Da mein Mann vor mir in der Schweiz angekommen war und schon gut zurechtkam, habe ich ihn gebeten, zu Hause nur in dieser Sprache mit mir zu sprechen.»

Auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz

Im März 2014 bringt Nazriet Yosief ein kleines Mädchen zur Welt. Sie gibt jedoch den Gedanken, einen Ausbildungsplatz zu finden, nicht auf. Ganz im Gegenteil. Ihr gesamtes Handeln ist fortan darauf gerichtet, gute Voraussetzungen für die Zukunft ihres Kindes zu schaffen. Um sich voll einer Ausbildung widmen zu können, muss sie jedoch zunächst einen Krippenplatz für ihre Tochter finden. «Ohne eine solche Betreuung wäre es mir nicht möglich gewesen, eine Ausbildung in Vollzeit zu machen», erklärt sie.

Nachdem die junge Mutter einen Betreuungsplatz für ihre Tochter gefunden hat, arbeitet sie drei Monate ehrenamtlich bei der Caritas im Bereich Verkauf. Gleichzeitig wird sie von den Mitarbeitenden der Caritas bei ihrer beruflichen Laufbahn unterstützt: «Sie zeigten mir, wo ich Internetseiten mit Stellenanzeigen finden kann, korrigierten meinen Lebenslauf und meine Motivationsschreiben. Ausserdem haben sie mich auf die Vorstellungsgespräche vorbereitet: wie ich einen Arbeitgeber von mir überzeuge, meine Motivation und mein Interesse an der Stelle zeige und so weiter.»

Neben der Unterstützung durch die Caritas Mitarbeitenden konnte Nazriet Yosief stets auf die Unterstützung ihres Ehemannes zählen. «Er war immer für mich da, auch wenn ich ungeduldig wurde. Er sagte mir, dass ich am Ende etwas finden würde, und verglich meine Situation häufig mit der Situation in einem Radrennen. ‚Das Ziel überquert man letztlich nur, wenn man immer weiterstrampelt‘, sagte er immer wieder, um mich zu ermutigen.»

Und so kam es dann auch: Nachdem die junge Frau etwa fünfzig Bewerbungen abgeschickt hatte, erhält sie eine positive Antwort. Im Februar 2016 absolviert sie dann ein Schnupperpraktikum im Bereich Verkauf. Diese einwöchige Erfahrung in einer Tankstelle gibt ihr einen Vorgeschmack auf den Beruf und ermöglicht ihr herauszufinden, ob sie diesen Weg einschlagen möchte. Am Ende des Praktikums wird sie von ihrem Arbeitgeber beurteilt, der sehr zufrieden mit ihrer Arbeit ist. Er verlängert das Praktikum zunächst um zwei Wochen und bietet ihr anschliessend einen Ausbildungsplatz an.

Der Weg zum Diplom

Drei Jahre lang jongliert die junge Eritreerin zwischen der Berufsausbildung in der Tankstelle und der theoretischen Ausbildung in der Berufsschule. Sie gesteht, dass sie bei jeder Prüfung doppelte Arbeit leisten muss: «Ich musste zunächst die Texte und Fragen aus dem Französischen übersetzen, eine Sprache, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit meiner Muttersprache Tigrinisch hat. Dann musste ich mir Zeit für die Antworten nehmen. Häufig waren es Fachbegriffe, die ich noch nie zuvor gehört hatte.»

Ihre Beharrlichkeit, ihre Reife und eine gute Organisation von Berufs- und Familienleben sorgten dafür, dass sie im Juli 2019 ihr Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Detailhandelsfachfrau erworben hat. «Während meiner Ausbildung verkörperte ich drei Rollen: Mutter, Frau und Auszubildende. Es war nicht leicht, alles unter einen Hut zu bringen, aber ich habe es geschafft. Wenn es mir gelungen ist, dorthin zu gelangen, wo ich heute stehe, dann kann das jeder schaffen», sagt sie mit Begeisterung.

Fragt man sie nach ihren Zukunftsplänen, antwortet die junge Frau, dass sie im August eine weitere Ausbildung als kaufmännische Angestellte bei der Gemeinde Renens im Kanton Waadt begonnen hat. Sie freut sich nun, sich bald am Wirtschaftsleben des Landes zu beteiligen, das sie aufgenommen hat, und vielleicht später den eidgenössischen Fachausweis zu erlangen. Ihr ist es besonders wichtig, Zeit mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann zu verbringen, die die wesentlichen Triebkräfte in ihrem Leben sind.