Neubeginn für Resettlement-Flüchtlinge

Ende Dezember 2016 erklärte sich die Schweiz bereit, im Rahmen des Resettlement-Programms des UNHCR innert zwei Jahren 2000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Für deren Integration wurde in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen ein spezifisches Programm erarbeitet. Es folgt ein Rückblick auf eine Informationsveranstaltung des Integrationsprogramms für syrische Familien, die im Kanton Waadt angesiedelt werden.

«Ahlan wa Sahlan» (Willkommen) stand auf der ersten Powerpoint-Folie zur Begrüssung der syrischen Familien, die am Dienstag, 18. Juli 2018 zur Informationsveranstaltung in Lausanne kamen. Die Veranstaltung wurde vom BCI (kantonale Fachstelle für Ausländerintegration und Rassismusprävention) organisiert. Im Zuge des Resettlement-Programms sind für jede in der Schweiz angekommene Gruppe von Familien vier halbtägige Informationsveranstaltungen vorgesehen. Diese sind vier Themen gewidmet: 1) Rechte und Pflichten von Flüchtlingen, 2) Praktisches (Unterkunft, Transport, Schule), 3) Gesundheitsversorgung, 4) Arbeitsmarkt. Am 18. Juli nahmen acht syrische Familien, die Ende Mai in der Schweiz angekommen waren, am ersten Modul über Rechte und Pflichte von Flüchtlingen in der Schweiz teil. Insgesamt werden in drei Jahren 170 Personen aufgenommen.

Durch Rollenspiele mit der neuen Umgebung vertraut werden

Das BCI hat die SFH mit der Durchführung von drei der vier Veranstaltungen beauftragt. Das SFH-Bildungsteam begann den Vormittag, unterstützt von einer Arabischdolmetscherin und einem Coach für die Familien, mit einer «Reise auf die Krokodilinsel». Bei diesem Spiel geht es darum, sich so schnell wie möglich an einen fiktiven Punkt zu bewegen, ohne «ins Wasser» zu fallen, wobei die Gefahr besteht, von den «hungrigen Reptilien» verspeist zu werden. Zwischen der Veranstaltungsleitung und den Teilnehmenden, die zum ersten Mal aufeinandertrafen, entstand sehr schnell eine vertrauensvolle Atmosphäre.

Die Teilnehmenden stellen sich der Grösse nach auf einer fiktiven Brücke über einem Fluss auf, in dem es «vor Krokodilen nur so wimmelt».

Danach folgten Informationen zu den Rechten und Pflichten der in die Schweiz geflüchteten syrischen Familien. So wurden das Recht auf Wohnung, das Recht auf Einheit der Familie oder auch das Recht zu reisen behandelt. Diese Themen werden in den nachfolgenden Modulen weiter vertieft. Mehrere Institutionen – darunter das Staatssekretariat für Migration, das Bevölkerungsamt, die Einwohnerkontrolle, das CSIR (Stelle für Flüchtlingsintegration), das BCIund die SFH – waren auf spielerische Weise präsent, damit die Familien wissen, wohin sie sich bei Fragen zum täglichen Leben wenden können. «Sie suchen eine Aktivität, bei der sie Leute kennenlernen und ihr Französisch üben können», sagte Katy François, Kursleiterin von der SFH. Bei all den Institutionen gibt es oft mehr als eine Möglichkeit.

Eine der acht syrischen Familien informiert sich über die Institutionen im Asyl- und Integrationsbereich und deren Funktion.

In Rollenspielen wurden Alltagssituationen behandelt mit dem Ziel, konkrete Möglichkeiten für den Umgang damit zu finden. «Zu Beginn gibt es viele Verständnisprobleme, weil man nicht dieselbe Sprache spricht. Schliesslich verständigt man sich mit Gesten», erzählte Andrés Guarin, Kursleiter der SFH. «Die Schweizer müssen alle Religionen respektieren. Einige sind nicht sehr tolerant, andere schon. Aber es wichtig, dass ihr eure Werte verteidigt. Wir sind hier, um eure Identität zu schützen», erklärte der Kursleiter mit ruhiger Stimme.

Situation aus dem Alltag: Wie reagiert man auf eine Nachbarin, die sich über Kindergeschrei beschwert?

Eine Geschichte von der Flucht aus dem Kosovo und der Integration in der Schweiz

Anschliessend ergriff Seladjin Doli, externer Mitarbeitender der SFH, das Wort. Er war vor vielen Jahren aus dem Kosovo geflüchtet und erzählte seine Exilgeschichte, von seinen Fluchtgründen und von den Hindernissen, die er überwinden musste, um Asyl zu beantragen und sich in der Schweiz zu integrieren. «Ich bin mit meiner Frau und meinem damals erst wenige Monate alten Kind geflüchtet. Wir haben einem Schlepper mehrere Tausend Franken gezahlt, um die Adria zu überqueren und nach Italien zu gelangen. […] Dann sind wir in die Schweiz weitergereist, weil mein Schwager dort lebte», berichtete er unter den aufmerksamen Blicken der syrischen Familien. Im Gegensatz zu Seladjin konnten die Teilnehmenden des Resettlement-Programms auf legalen und sicheren Wegen in die Schweiz gelangen und hatten somit Glück, dass sie nicht den Gefahren der illegalen Migration ausgesetzt waren.

Seladjin Doli erzählt, wie er aus dem Kosovo in die Schweiz flüchtete. 

Seladjin verschwieg auch weitere Schwierigkeiten nicht, denen er nach seinem beschwerlichen Weg ins Exil und der Ankunft in der Schweiz begegnete, in der Zeit zwischen dem Warten auf einen Asylentscheid, dem Lernen der Sprache und der Arbeitssuche. Er vermittelte dennoch Zuversicht: «Keine Angst, es regelt sich mit der Zeit eins nach dem andern», meinte er in vertrauensvollem Ton. «In diesem Land gibt es viele Möglichkeiten, die Sprache zu lernen, eine Ausbildung zu machen und einen Beruf zu finden. Ich selbst habe zuerst als Hauswart in dem Haus gearbeitet, in dem ich wohnte. Dann wurde ich von der SFH für die Sensibilisierungsarbeit zur Flüchtlingsproblematik angestellt. Eines Tages kontaktierte mich eine Schweizer Schriftstellerin, da sie meine Geschichte auf Französisch erzählen wollte. Man weiss nie, was das Leben noch alles für einen bereithält», fuhr der ehemalige Inhaber einer B-Bewilligung und inzwischen Eingebürgerte fort. Er träume davon, eines Tages in den Kosovo zurückzukehren, doch das sei momentan nicht möglich. «Warum?», schienen die erstaunten Augen der Zuhörer zu fragen. «Einer meiner Söhne ist krank und kann nicht im Kosovo behandelt werden. Der andere ist hier geboren und sieht die Schweiz als seine Heimat», erklärte Seladjin.

Sichtbar berührt von der Geschichte des Mannes, der sein Leben in der Schweiz neu aufgebaut hat, sprachen die syrischen Familien Seladjin ihren aufrichtigen Dank aus: «Es tut uns leid, was sie alles durchmachen mussten», entfuhr es einem jungen Mann. «Sie haben die Geschichte aller Flüchtlinge zusammengefasst», ergänzte dessen Mutter. «Sie haben uns Mut gemacht», fügte ein Familienvater schliesslich hinzu. «Shoukran» (danke), ertönte es von den Familien wie aus einer Kehle.

Beim nächsten Modul beantwortet die SFH Fragen, die die Teilnehmenden am Kursende stellen.

Zum Abschluss der Veranstaltung bat die SFH die Familien, drei Fragen aufzuschreiben, die sie beim nächsten Modul im August behandeln möchten. Bis dahin besuchen die Familien die vom Kanton erteilten Französischkurse und haben sich vielleicht bereits etwas in ihrer neuen Umgebung eingelebt. Inshallah!