Mamadi Camara feiert hier einen Sieg der Jugendmannschaft des FC Muri-Gümligen, die er zwischen 2010 und 2017 trainiert hat.

«Der Fussballplatz war mein Zufluchtsort»

Als Spieler bei der Juniorenmannschaft des BSC Young Boys, Fussballtrainer und Zusteller/Gastronomiemitarbeiter hat Mamadi Camara seit seiner Ankunft in der Schweiz 1995 schon Vieles erreicht. Mit einer neu gegründeten eigenen NGO schafft der Vierzigjährige nun Zukunftsperspektiven für die jungen Menschen in seiner Heimat Guinea.

Von Karin Mathys, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH

Im Jahr 1995 kommt Mamadi Camara in die Schweiz und reicht ein Asylgesuch im Empfangs- und Verfahrenszentrum EVZ Vallorbe im Kanton Waadt ein. Er ist damals erst 17 Jahre alt. Zwei Wochen später wird er in ein Zentrum für Asylsuchende in Bern überstellt. Umgehend fragt er den Leiter des Zentrums, wie er sich in seinem Alltag beschäftigen kann. Mit dem Ausweis N durfte er noch nicht arbeiten. «Sie haben mir geantwortet, dass sich fünf Minuten von unserer Unterkunft entfernt ein Fussballstadion befinden würde. Ich war überglücklich, als ich das gehört habe», erinnert er sich und lacht bis über beide Ohren. So wird das Stade de Suisse Wankdorf zu seinem Lebensmittelpunkt. Dort verbringt er die meiste Zeit. Dort trifft er die Freunde aus dem Zentrum und knüpft Kontakte zu anderen Liebhabern des runden Leders. Es spielt dabei keine grosse Rolle, dass er die Sprache nicht spricht und seine Ausrüstung dürftig ist, denn «es zählte einzig und allein, dass ich Fussball spielen konnte.» “

Nach einer zufälligen Begegnung mit dem Trainer der Jugendmannschaft des Berner Fussballclubs Young Boys (YB) bekommt Mamadi Camara die Möglichkeit, während einer Probezeit bei der Jugendmannschaft mitzuspielen. Dank seines Talents und seiner Entschlossenheit wird der junge Mann schliesslich ins Team aufgenommen. Zwei Jahre lang feilt der Guineer also an seiner Technik, schliesst Freundschaft mit seinen Teamkollegen, lernt «Bärndütsch» und macht sich mit den lokalen Verhaltensweisen vertraut. Der Fussballplatz ist ihm jedoch auch ein «Zufluchtsort», Dort wird sein Kopf frei von der schmerzerfüllten Vergangenheit und er kann neue Kraft schöpfen.

Nicht nur Fussball

Neben seiner Leidenschaft findet Mamadi Camara eine bezahlte Anstellung als Zusteller/Gastronomiemitarbeiter beim Unternehmen «Bonapp» in Gümligen. Er erinnert sich, dass sein Name bei seinem Vorstellungsgespräch auf einer Liste mit zehn Bewerbern stand: «Vermutlich haben sie mich eingestellt, weil ich bei YB gespielt habe. Mein Chef war Anhänger des Clubs», erklärt er und beginnt lauthals zu lachen. Seiner Meinung nach konnte er damit auch seine spätere Ehefrau bezaubern, mit der er zwei Kinder hat.

Wenngleich ihm der Fussball zahlreiche Türen geöffnet hat, hätte er es ohne seine Ausdauer, seiner positiven Wesensart und seinem unbezwingbaren Optimismus nie so weit gebracht. Denn was könnte einem begnadeten Sportler mit vielversprechenden Karrierechancen Schlimmeres passieren, als dass er sich einen Kreuzbandriss zuzieht und gezwungen ist, sein Training abzubrechen. Mamadi Camara hört trotzdem nicht auf mit dem Fussball. Er orientiert sich neu: «Nach meiner Operation habe ich noch fünf Jahre in der 2. Liga interregional in Worb gespielt. Ich habe dort gute Freunde gefunden, die mir übrigens auch bei der Wohnungssuche geholfen haben. Die Knieschmerzen kamen aber in regelmässigen Abständen zurück und ich konnte nicht mehr so viel Einsatz bringen wie zuvor.» Ein Freund bot ihm daraufhin an, Fussballtrainer für Jugendliche von 10 bis 17 Jahren zu werden. Eine Zukunft ohne diesen Sport konnte er sich nicht vorstellen. Also nahm er das Angebot mit grosser Freude an und absolvierte eine Trainerausbildung, die vom Schweizerischen Fussballverband in Lugano organisiert wurde. Im Anschluss daran war er zwischen 2006 und 2010 als Coach für die Jugendmannschaft des FC Weissenstein tätig sowie von 2010 bis 2017 für den FC Muri-Gümligen. Zwanzig Jahre hindurch hält er also die Balance zwischen seiner Arbeit bei «Bonapp» und seiner Leidenschaft für den Fussball.

Mamadi Camara hat sein Fussballtrainer-Diplom erhalten, nachdem er die Ausbildung beim Schweizerischen Fussballverband in Lugano absolviert hatte.

Der Startschuss

2017 schlägt Mamadi Camara jedoch ein weiteres Kapitel in seiner Geschichte auf. Eine Reportage über Libyen veranlasst ihn dazu, sich für junge Migranten und Migrantinnen zu engagieren. Die Aussagen eines 17 Jahre alten Jungen aus Guinea haben ihn ganz besonders erschüttert. «Er wäre lieber unterwegs gestorben, als im Land zu bleiben. Er war bereit, sich mit allen Gefahren zu konfrontieren, welche ein Leben im Exil mit sich bringt. Ich habe mich mit ihm und seiner Geschichte identifiziert. Migranten und Migrantinnen, die sich aktuell in Libyen aufhalten, sind unvorstellbarer Gewalt seitens der Schlepper und bewaffneter Gruppen ausgesetzt. Und die meisten von ihnen sind Jugendliche», erläutert er mit einem Seufzer. Dies war der Startschuss für ein neues Projekt jenes Mannes, der vor über zwanzig Jahren Zuflucht in der Schweiz gesucht hat. «Ich konnte nicht mehr untätig bleiben. Im November 2017 habe ich meinem Chef und den Kindern, die ich trainierte mitgeteilt, dass ich die Schweiz verlassen möchte, um jungen Menschen in Guinea Zukunftsperspektiven zu geben.»

Aus Worten wurden Taten

Binnen weniger Monate lässt Mamadi Camara seinen Worten Taten folgen. Er kauft einen LKW, sammelt Kleidung und Sachgüter und ist gewillt, 7000 Kilometer von Bern in seine Heimatstadt Kankan zurückzulegen. Er fährt bis nach Spanien, nimmt dort die Fähre nach Marokko und setzt daraufhin seine Reise bis nach Guinea fort. Seine Fahrt dauert einen Monat. Am Ziel angekommen ist Mamadi Camara aber nicht wirklich zufrieden: Ein Hin und Her zwischen der Schweiz und Guinea sowie die Verteilung von Sachgütern allein würde nicht ausreichen, um die jungen Menschen von einem Aufbruch ins Exil abzuhalten. «Europa ist keine Alternative. Man muss sicherstellen, dass die Menschen eine Zukunft in ihrer Heimat haben. Deshalb habe ich beschlossen, nach Kankan zurückzukehren und dort meine eigene NGO zu gründen», erzählt Mamadi Camara begeistert und offensichtlich entschlossen.

Mamadi Camara hat mit seinem LKW 7000 Kilometer von der Schweiz bis nach Guinea zurückgelegt.

Und er hat sein Versprechen gehalten, denn 2018 erfolgte die Gründung von «L’Aigle de Guinée» mit dem Ziel, zur Förderung der lokalen Entwicklung und zur Stärkung des nationalen Bildungssystems beizutragen. In Zusammenarbeit mit anderen NGOs errichtet Mamadi Camara in Kankan Berufsausbildungszentren für die Bereiche Elektrizität, Mechanik, Metallindustrie und Gastronomie.

Ausserdem hat er Fussballplätze angelegt und möchte seine Leidenschaft für diesen Sport an die jungen Menschen in der Region weitergeben. Während der Feierlichkeiten rund um den Jahreswechsel wird Mamadi Camara in Bern bleiben, um sein Projekt zu bewerben und Geldmittel für seine NGO zu sammeln. Nach Guinea wird er zu Beginn des nächsten Jahres zurückkehren, und zwar mit einem LKW voll neuer Waren.