Computerklasse mit Hana Brauchli, Initiantin (oben) und Brigitta Acevedo, Kursleiterin (rechts).

Der Flüchtlingstisch Embrachertal baut Brücken der Menschlichkeit

Ausrangiertes Bahninventar steht auf ungenutzten Gleisen. Flüchtlinge sitzen in einem der abgestellten Bahnwagen. Doch sie vertreiben sich nicht einfach die Zeit. Sie lernen. Denn sie wollen nicht beiseite gestellt werden wie das ausgemusterte Rollmetarial. Sie sind motiviert, möchten etwas in Bewegung bringen und sich eine neue Zukunftsperspektive schaffen.

Ganz in der Nähe des Bahnhofs Embrach, auf ungenutzten, abgelegenen Gleisen, stehen drei alte Bahnwagen. Aus der Distanz wirkt es wie ein Friedhof für ausrangiertes Bahninventar. Wenn man jedoch genauer hinschaut, entdeckt man einen schmucken Garten mit Sitzbänken, Tischen und Sonnenschirm. Läuft man noch näher, hört man lebhafte Stimmen aus den Fenstern eines Bahnwagons. An diesem Dienstagnachmittag wird hier ein Computerkurs für Flüchtlinge durchgeführt. An den kleinen Tischen sitzen unterschiedliche Menschen aus Afghanistan, Äthiopien, Syrien, Eritrea und der Türkei – alle mit Laptops ausgerüstet. Ganz vorne erklärt Brigitta Acevedo anhand von strukturierten Unterlagen das Arbeiten mit Windows 10. Heute wird gelernt, wie man Daten verwaltet und Ordner eröffnet. Hinten im Bahnwagon agiert Hanna Brauchli; sie ist die Initiantin des Projektes «Flüchtlingstisch Embrachertal» und die gute Seele, die sich pausenlos für Flüchtlinge einsetzt. Sie bewegt sich unter den Kursteilnehmern und gibt Anweisungen, wenn die Flüchtlinge nicht weiter-wissen. Sie ist begeistert und gleichzeitig sehr stolz darauf, wie schnell ihre «Schützlinge» lernen. Eine junge Frau aus Afghanistan zum Beispiel konnte nur bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr die Schule besuchen und macht nun hier riesige Fortschritte.

Diese menschliche Art, auf Leute zuzugehen, könnte vielleicht täuschen, denn Hanna Brauchli verfolgt eine klare Linie und verlangt von den Flüchtlingen viel: Die Verpflichtung: Ich will etwas lernen, ich muss wollen! Das zeigt sich, als eine Teilnehmerin sich für die nächste Lektion abmelden will, das geht so nicht: «Es braucht Regeln, man tut den Flüchtlingen keinen Gefallen, wenn man zu nachsichtig ist, sie erhalten dadurch ein falsches Bild über das Leben in der Schweiz.» Sie findet, zu viel Verständnis wirkt kontraproduktiv – es werde oft viel zu lasch mit Flüchtlingen, umgegangen – so tue man ihnen keinen Gefallen.

«Integration fordert Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Umgangsformen und Engagement.»

Die Flüchtlinge haben ein Anrecht darauf, dass wir ihnen Verständnis entgegenbringen, dies entbindet uns jedoch nicht, von ihnen auch etwas abzuverlangen. Integration ist ein harter Prozess und geht nicht ohne, dass wir konsequent von den Flüchtlingen Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Umgangsformen usw. fordern, aber auch ein Engagement in unserer Gesellschaft.

Hanna Brauchli ist eine sehr engagierte Frau im Dienste der Flüchtlinge. «Die Herzlichkeit dieser Menschen beeindruckt mich immer wieder», erzählt die Organisatorin. Durch die intensive Zusammenarbeit erfährt sie viel über die verschiedenen Herkunftsländer und die einzelnen Schicksale. Durch ihre Unterstützung öffneten sich einige Türen, zum Beispiel konnte ein junger Flüchtling mit N-Ausweis verschiede Schnupperkurse besuchen, weil sie ihm unter anderem ein positives Begleitschreiben mit auf den Weg gab.

Herumsitzen ist schlecht für die Psyche

Das Projekt Flüchtlingstisch wurde 2015 gegründet. Mit dem Ziel, den Kontakt zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zu fördern und Akzeptanz aufzubauen und nach dem Motto: Baut Brücken der Menschlichkeit. Die Aufgabe ist, ihnen behilflich zu sein, damit sie wieder Stabilität in ihrem Leben erhalten, und ihnen eine Beschäftigung anbieten. «Sitzen sie den ganzen Tag herum, hat das Konsequenzen nicht nur für ihre Psyche, sondern auch für den Sozialstaat.»

Die Wertschätzung in der Gemeinde hat sich zugunsten der Flüchtlinge geändert. «Anfangs haben die Leute gespottet. Das hat sich grösstenteils in Respekt umgewandelt, aber Kritiker gibt es natürlich immer noch.