Fünf Personen sind bei einer Anhörung dabei: eine Hilfswerkvertretung neben dem oder der Asylsuchenden, eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher, die Befragungsperson des Staatssekretariats für Migration (SEM) und der oder die Protokollführende. Fotos: © SFH/Bernd Konrad und SFH/Barbara Graf Mousa

50 Jahre Hilfswerkvertretung: Zwei HWV erzählen aus der Praxis

Seit fünfzig Jahren sind die Hilfswerkvertreterinnen und -vertreter bei Anhörungen im Asylverfahren präsent. Sie beobachten, wie es Schutzsuchenden während der Befragung geht, hören mit und intervenieren, wenn etwas nicht fair oder korrekt ist.

Wie nehmt ihr eure Aufgaben und eure Rolle als HWV wahr?

Nazli: Ich verhalte mich beobachtend und neutral, achte darauf, dass es dem Gesuchsteller gut geht und eine angenehme Atmosphäre herrscht. Im Interesse des Gesuchstellers kann ich Fragen stellen, Einwände vorbringen und im Protokoll vermerken lassen, wenn seine Rechte eingeschränkt werden, zum Beispiel eine geschlechterspezifische Anhörung nötig ist, sein Gesundheitszustand kritisch ist oder die Befragung ohne Pausen zu lange dauert.

Annette:Es ist wichtig, dass wir HWV gewährleisten, dass die Interviews korrekt ablaufen und niemand unter Druck gesetzt wird. Die Vorgaben dazu sind klar, ich muss selten intervenieren, achte aber sehr auf die Genauigkeit der Anhörungsprotokolle und darauf, dass ich selber meine Kurzberichte sorgfältig verfasse.

Wie kommen ihr mit der HWV-Rolle klar? Gibt es Vor- und Nachteile?

Nazli: Es ist schon recht schwierig, eine neutrale Haltung zu bewahren und gleichzeitig im Interesse des Gesuchstellers zu handeln. Ich kann ihm ein Gefühl des Verständnis vermitteln, Empathie und versuchen, Vertrauen aufzubauen, das erleichtert seine Situation etwas. Oft sind die Fluchtgeschichten sehr traurig. Ein Vorteil ist, dass man selber viel über die Herkunftsländer erfährt, Informationen aus erster Hand über die Situation dort und die Flucht bekommt und viele unterschiedliche Menschen von der Professorin bis zu Wanderarbeiter kennenlernt.

Annette: Ich komme gut damit klar, vielleicht auch, weil man in diesem Bereich im Alter eher Respekt erfährt? Es ist nicht immer einfach zu intervenieren, weil dies als Blossstellung aufgefasst werden kann. Je nach Standort ist das Klima recht unterschiedlich, einmal familiär, einmal eher distanziert. Der mögliche Nachteil, bei familiärer Atmosphäre keine Distanz zu haben, erweist sich in der Praxis oft als verfahrensökonomischer Vorteil: Interventionen sind rasch geklärt, weil die Akteure sich vertrauen.

Wie seid ihr zu dieser Arbeit gekommen?

Nazli: Kolleginnen an der Universität erzählten mir davon.

Annette:Eine Studienkollegin arbeitete stellvertretend als HWV-Koordinatorin und fragte mich an. Ich ging mit an eine Anhörung und das hat mich sofort interessiert.

Was ist deine Motivation für diese Arbeit, die auf Abruf und unregelmässig erfolgt, und deshalb kaum ein Existenz sicherndes Einkommen garantiert?

Nazli: Das hat mit meiner eigenen Geschichte als türkische Seconda zu tun. Ich bin in einem sehr politischen Elternhaus aufgewachsen. Ich möchte gerne später als Juristin im Asylbereich arbeiten und kann so wichtige Erfahrungen sammeln.

Annette: Damals mit noch drei kleinen Kindern war das für mich eine ideale Arbeit, die ich gut mit der Familie vereinbaren konnte. Es ist mir wichtig, auf diese Weise für ein faires und gesetzeskonformes Asylverfahren beitragen zu können. Und natürlich schwingt stets Empathie und Interesse an anderen Ländern und Kulturen mit.

Wieviele Einsätze hast du bis jetzt gehabt?

Nazli: Im Durchschnitt sind es zwei bis drei Anhörungen pro Woche.

Annette: In Spitzenzeiten werde ich ein bis zweimal die Woche eingesetzt.

Werden eure speziellen Kompetenzen bei Einsätzen berücksichtigt?

Nazli: Ich kann Türkisch, kenne die politische Situation dieses Landes gut und werde sehr oft bei entsprechenden Befragungen eingesetzt. Das ist mir wichtig wegen der Übersetzungen und Verdolmetschung. Nuancen können hier Auswirkungen haben. Es braucht Präzisierungen, wenn es zum Beispiel um die Frage geht, ob und vor allem wie eine politische Partei mit der PKK und deren militanten Flügel sympathisiert.

Annette: Bei mir stehen eher die Verfügbarkeit und die Flexibilität im Vordergrund. Der Asylbereich ist ja stets extremen Schwankungen unterworfen. Gerne lasse ich den HWV, die auf Einkommen angewiesen sind, oft Studierende, den Vortritt.

Nimmt die Empathie etwas ab nach vielen Anhörungen?

Nazli: Nein, ich glaube nicht, denn jede Person hat eine individuelle Geschichte. Traurige Momente berühren mich immer.

Annette: Die Gefahr ist schon da. Während die UMAs meistens sehr höflich, scheu und dankbar sind, gibt es wie überall halt auch Gesuchsteller, die es einem schwierig machen, empathisch zu bleiben, etwa wenn sie ausfällig werden, einem bedrohen, sehr offensichtlich lügen. Aber das kommt selten vor.

Könnt ihr von schönen und von schwierigen Erlebnissen als HWV berichten?

Nazli: Die Situation der Roma habe ich oft als sehr schwierig erlebt. Grenzen, Ausweise, das alles reisst diese nomadisch lebenden Familien auseinander. Einer Romafrau war wegen ihres straffälligen Mannes in einer schlimmen Situation. Ihre Kinder lebten hier, sie selber aber musste dann wieder nach Serbien zurück, das fand ich sehr ungerecht. Hingegen erlebte ich während einer Anhörung einen minderjährigen Syrer, der gut zaubern konnte. Er schuf sich selber eine entspannte Situation, indem er uns etwas vorzauberte und auch die SEM-Sachbearbeiterin zeigte Freude.

Annette: Gesuchsteller erzählen oft von belastenden und schlimmen Erlebnissen, die gemäss schweizerischem Asylgesetz nicht asylrelevant sind. Dies zu wissen und damit umzugehen scheint mir für uns HWV schwierig. Schön ist es zu erleben, wenn ein Fall klar ist und dann auch rasch eine B-Bewilligung erteilt wird. Oder die Geschichte von zwei Schwestern, die eine 18, die andere 14 Jahre alt, die aus Italien vor ihrer gewalttätigen Mutter in die Schweiz flohen. Weil Italien sich weigerte, sie zurückzunehmen, wurden sie vorläufig aufgenommen. Inzwischen sind beide dank Pflegefamilie und Ausbildung bestens integriert, haben eine B-Bewilligung und machen ihren Weg hier in der Schweiz.

Was ändert sich für euch persönlich mit der Einführung des neuen Asylverfahrens?

Nazli: Nicht viel, weil ich als Juristin eh in diesem Bereich aktiv sein werde, die HWV-Einsätze sind eine gute Vorbereitung für mich.

Annette: Ich werde keine Arbeit mehr haben, wenn alle Gesuche, die vor dem 1. März 2019 gestellt wurden, bearbeitet worden sind. Wenn mir das Profil entspricht, werde ich mich als Verfahrensberaterin bewerben.

Interview: Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH