© Bernd Konrad/SFH

Fast eine Familie

Familie Salzmann aus Saint-Cergue im Kanton Waadt meldete sich auf den von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH lancierten Aufruf auf der Suche nach Gastfamilien. Nachdem ihre drei Töchter ausgezogen waren, hatten sie ein leeres Zimmer im Haus. Gekommen ist der damals neunzehnjährige Flüchtling Bassel Ataia aus Syrien. Inzwischen lebt er genau zwei Jahre mit der Familie unter einem Dach. Was ist in dieser Zeit passiert?

Die Gasteltern haben Bassel Ataia wie einen Sohn in der Familie aufgenommen. Denise Salzmann setzte sich von Anfang an stark für Bassel ein. «Ich habe mich verpflichtet, ihn aktiv bei seiner Integration zu unterstützen», sagt Denise Salzmann. Am Esstisch und im täglichen Umgang miteinander wurde die Sprache fleissig geübt, und wurden die schweizerischen Sitten und Gewohnheiten vorgelebt. Der Erfolg wurde bald sichtbar. In kurzer Zeit konnte er sich bestens verständigen. Inzwischen gehören auch Fondue, Raclette und Rösti und Geschnetzeltes zu Bassels Lieblingsmenüs!

Bei der Suche nach einer passenden beruflichen Tätigkeit hat die Familie Salzmann grosse Unterstützung geleistet. Bernard Salzmann erzählt: «Seine Sozialkompetenzen sind sehr gut, er kommuniziert selbstbewusst und geht auf Anliegen ein. Das hat uns auf die Idee gebracht, dass ihm Kundenkontakt und die Tätigkeit als Verkäufer liegen würde.» Die Familie aktivierte ihr Beziehungsnetz, um Bassel bei der beruflichen Integration behilflich zu sein. Daraus entstand eine Schnupperwoche in einem Sportladen. Der befreundete Ladenbesitzer brauchte eigentlich kein Ladenpersonal, willigte aber in eine Schnupperwoche ein. Aus einer Woche wurden zwei Schnupperwochen. Bassel war durch sein proaktives Engagement und seine gewinnende Art im Team positiv aufgefallen. Aus diesem kurzen Einsatz entstand eine langfristige Berufslehre als Verkäufer. Der Kontakt mit Kundinnen und Kunden ist, was die Sprache betrifft, für Bassel kein Problem. Er muss aber das fachliche Wissen erarbeiten und ist hoch motiviert, dies zu tun. Nach nur zwei Jahren bei seinen Gast-Eltern läuft es für Bassel privat und beruflich optimal. Er kennt sich gut aus und ist überaus motiviert, seinen Weg selbstständig zu gehen.

Familie Salzmann blickt positiv auf die vergangenen zwei Jahre zurück. Sie sind selber mehrere Monate mit ihren Töchtern durch die Welt gereist. In allen Erdteilen wurden sie freundlich empfangen und herzlich aufgenommen. Bassels Aufnahme war daher für die Familie eine Selbstverständlichkeit und ihre Art, die auf Reisen erlebte Gastfreundschaft zurückzugeben. Auf die Frage, was zu dieser Familienharmonie führte, steht an erster Stelle gegenseitige Offenheit und Respekt. «Wir begegnen Bassel als selbständiger Person, die mit unserer Unterstützung ihren Weg in eine neue Gesellschaft finden muss»: So werden alle potenziellen Konflikte ausdiskutiert, um Missverständnisse zu vermeiden. Zum Beispiel: Als Bassel frisch bei Salzmanns eingezogen war, hat er aus Höflichkeit immer mit der Familie den Frühstückstisch geteilt und brav seinen Kaffee und Croissants konsumiert; er dachte, es gehört, zum Familienleben. Erst später, als sich die erweiterte Familie besser kennenlernte, erwähnte Bassel nebenbei, dass er eigentlich nie frühstückt. Ab diesem Moment liess er das Frühstück aus.

Vermittlung von Gastfamilien

Frieden in Syrien ist derzeit nicht in Sicht, eine Rückkehr in absehbarer Zeit ausgeschlossen. Deshalb tut die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) alles dafür, Menschen wie Bassel Ataia die Integration in die Schweizer Gesellschaft zu erleichtern. Zu diesem Zweck vermittelt die SFH beispielsweise die Unterbringung bei Privaten, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen wollen. So erhalten die Flüchtlinge ein Stück Normalität sowie Würde zurück. Das Zusammenleben erhöht das Verständnis der Kulturen füreinander und erleichtert die Integration der Flüchtlinge. So werden aus Flüchtlingen Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde.