Foto: Hansruedi Aeschbacher

Die Kunst, das Unerträgliche zu ertragen

Salam, Lamen, Rudy, Rosselle – ein Vater, eine Mutter, zwei Kinder, vier und sieben Jahre alt. Eine syrisch-kurdische Familie, die vor einem Jahr in die Schweiz flüchten konnte und nun in Wangen bei Olten auf den Entscheid des Staatssekretariates für Migration SEM wartet. Der Vater ist Künstler, die Mutter Rechtsanwältin. Sie möchten so rasch als möglich auf eigenen Füssen stehen.

Warten. Warten. Warten. Das gilt für Salam und seine Familie so wie für viele, die der Hölle in Syrien entfliehen konnten und hier die Zeit mit der Erinnerung an politische Verfolgung, Gefängnis und an ein zerbombtes Zuhause füllen müssen.

Aber Salam bläst nicht Trübsal, auch wenn er im Gespräch oft den Kopf schüttelt über das unverständliche Warten, das ihm «Bern» verordnet hat. Salam ist Künstler. Er zeichnet und malt, schreibt Gedichte, Fähigkeiten, die ihm weder das Regime in Syrien, noch die mühsame Flucht über die Türkei in die Schweiz rauben konnten. Nicht einmal die Bomben, die das Haus seiner Familie ein paar Kilometer ausserhalb von Aleppo zerstört haben, hindern Salam Ahmad daran, sich künstlerisch mit der unfassbaren Katastrophe in Syrien und ganz besonders mit dem Schicksal der Kurden auseinander zu setzen.

Von der Verletzlichkeit des Menschen

Seit ihrer Rettung in der Schweiz hat Salam eine ganze Serie ausdrucksstarker Bilder geschaffen, die er im Januar in der Galerie «Kunstraum» in Olten ausstellen konnte. Es sind Bilder von der Verletzlichkeit der Menschen, die er in filigranen Adern herausgearbeitet hat. Sie überziehen seine Figuren wie ein Netz aus Blutgefässen. Seine Acrylbilder zeigen Menschen vereint in Angst, in Geborgenheit und in Zärtlichkeit. Eine Werkserie thematisiert die Mythen seiner syrisch-kurdischen Kultur, verweist auf Träume und auf die Sehnsucht nach Frieden und Normalität.

Salam, der ehemalige Philosophielehrer und diplomierte Psychologe besucht zusammen mit seiner Frau Lamen, die als Anwältin in Syrien tätig war, Deutschkurse. Sie wollen so schnell als möglich aus der Abhängigkeit der Sozialdienste herauskommen, eine eigene Existenz aufbauen, den Kindern eine Zukunft ermöglichen, auch wenn der Entscheid aus «Bern» noch auf sich warten lässt. Salam möchte sich in der Schweiz als Künstler durchsetzen. Am Anfang wär dies vielleicht nur als Nebenbeschäftigung zu einer Anstellung als Zeichenlehrer, als Assistent an einer Kunstgewerbeschule oder in einem Museum möglich. Seine Frau Lamen träumt von einer Tätigkeit als Anwältin für Menschenrechte. Es sind berufliche Tätigkeiten, die sie beide in Syrien in Schwierigkeiten gebracht haben, ins Gefängnis gar und die sie nun in der Schweiz in Sicherheit und in Frieden ausüben möchten.

Die syrische Realität dringt in die Schweiz

Im Gespräch wird deutlich, wie ungewohnt die Begriffe Sicherheit und Frieden noch immer für sie sind. Bilder aus der Zeit der Bomben drängen sich in die Unterhaltung. Und dann treffen  gerade Bilder auf dem Handy ein – die in Aleppo zurück gebliebenen Familienangehörigen wurden vor wenigen Tagen aus ihrem Haus gebombt, die Kinder der Schwester erlitten schweren Brandwunden, die Mutter befindet sich im Schock, alles Hab und Gut ist zerstört. Salam, der von sich sagt, er habe schon lange keine Tränen mehr, wird seine Trauer in neuen Bildern verarbeiten müssen.