migration_peoplemap zvg

Migration: Bruch oder Kontinuität?

Während für Mitarbeitende internationaler Unternehmen mit Sitz in der Schweiz Anreize unterschiedlichster Art bestehen, sorgen die Gesetze und Verfahren, die das Asylsystem regeln, dafür, dass die Migration für Geflüchtete sehr schwierig wird.

Migration wird häufig als bedeutendes Ereignis des Umbruchs und der Veränderung wahrgenommen – durch das Leben in einer neuen Kultur. Doch nicht alle Migrantinnen und Migranten erleben diese neue Lebenssituation auf die gleiche Art und Weise. Für einige stellt der Umzug in ein anderes Land kein grosses Hindernis dar; andere dagegen erleben die Migration als tiefen Einschnitt ins Leben mit entsprechenden persönlichen Verunsicherungen. Um diese Unterschiede zu verstehen, ist es wichtig, die Migrationsbedingungen, Gesetze und institutionellen Strukturen des Gastlandes sowie die Erfahrungen der Betroffenen zu berücksichtigen.

Dieser Artikel orientiert sich am soziologischen Konzept der «Positionalität», um zu zeigen, dass die Migration auf unterschiedliche Weise erlebt werden kann, und um die Vorstellung zu überdenken, dass sie zwingend einen Umbruch darstellt. Zur Veranschaulichung unserer Argumentation ziehen wir einige Beispiele aus einer ethnografischen Studie über die Migration hochqualifizierter Personen heran, die aus unterschiedlichen Gründen in die Schweiz gekommen sind – um Asyl zu beantragen, zu einem Mitglied ihrer Familie nachzuziehen, zu arbeiten oder zu studieren.

Sich verändernde Lebenshaltung

Ein Individuum kann niemals nur anhand eines einzigen Merkmals definiert werden: Wir alle bestehen aus einer Vielzahl von Prägungen und Haltungen, die uns und unseren Mitmenschen je nach Situation mehr oder weniger wichtig erscheinen können. Diese Einstellungen sind nicht fix, sondern können sich im Laufe eines Lebens verändern. Man denke beispielsweise an das Geschlecht, das Alter, die soziale Zugehörigkeit, die Religion, die Nationalität, die familiäre oder finanzielle Situation, die Interessen usw., die alle Teile unserer Identität sind. Bei einer Migration können sich einige dieser Faktoren ändern, während andere unverändert bleiben.

So hat zum Beispiel eine Person, die in Indien bei einem grossen multinationalen Unternehmen beschäftigt ist und sich gerade in der Schweiz niedergelassen hat, um dort für dasselbe Unternehmen zu arbeiten, vermutlich nicht den Eindruck, beruflich einen grossen Umbruch zu erleben. Dagegen wird diese Person aber vielleicht die Veränderungen in Bezug auf ihre familiäre Situation als schwerwiegend erleben, gerade wenn ihr_e Partner_in sich entscheidet, die Arbeitsstelle in Indien aufzugeben, um ihr zu folgen, und so vom oder von der Berufstätigen zum Hausmann bzw. zur Hausfrau wird.

Unterschiedliche Migrationsbedingungen

Die Bedingungen der Migration sowie der soziale, politische und rechtliche Kontext des Gastlandes sind daher von grosser Bedeutung, beeinflussen sie doch die Chancen und Einschränkungen einer Person aufgrund ihrer Nationalität, ihrer Qualifikation, ihrer persönlichen Situation usw. Eine Person, die als Flüchtling in die Schweiz kommt, riskiert beispielsweise deutlichere Umbrüche als eine Studentin, die im Rahmen des ERASMUS-Programms einreist. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: die Tatsache, gezwungen zu sein, sein Land zu verlassen, die schwierigen Reisebedingungen, um in die Schweiz zu gelangen, das Schweizer Asylsystem sowie die Hindernisse beim Einstieg in den Arbeitsmarkt und in das Schweizer Bildungssystem.

Sie alle tragen dazu bei, den Übergang schwieriger zu machen, als dies im Rahmen eines von den Behörden gewollten und von zahlreichen Akteuren unterstützten Programms der Fall wäre. Bei unseren Gesprächen haben uns junge Flüchtlinge erzählt, dass sie sich in der Schweiz wie Kinder fühlten und den Eindruck haben, alles neu lernen und bei null anfangen zu müssen.

«I was 28, now I feel like I’m 1 year old», erzählte uns einer von ihnen, der seit einem Jahr in der Schweiz lebte und sich von seiner neuen Situation völlig überfordert fühlte. Da er keine Zeit hatte, sich vor seiner Abreise vorzubereiten, hatte er den Eindruck, in einen Strudel von Bestimmungen und Beschränkungen geraten zu sein, die er gerne besser verstanden hätte. Seine Selbstwahrnehmung hat sich daher aufgrund der zahlreichen Veränderungen seiner rechtlichen, finanziellen, familiären, beruflichen und sozialen Situation verändert.

Umbruch oder Kontinuität?

Man denkt häufig, die Migration bringe alleine aufgrund der erforderlichen Anpassung an eine neue Kultur eine bedeutende Identitätsveränderung mit sich. Wir haben versucht, in diesem Artikel aufzuzeigen, dass man nicht grundsätzlich von einem Umbruch sprechen kann: Unsere Identität ist sehr vielschichtig, und verschiedene Aspekte davon können in unterschiedlichem Ausmass von einer Migration betroffen sein. Wie wir diese Veränderungen erleben, ist individuell, aber es ist deutlich, dass die Gesetze und das Umfeld, die unser Migrationssystem definieren, nicht allen Personen, die in die Schweiz kommen möchten, die gleichen Aufnahmebedingungen bieten.

Die Migration hochqualifizierter Arbeitnehmenden ist nicht zu vergleichen mit der Asylsuchender: Während für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter internationaler Unternehmen mit Sitz in der Schweiz Anreize unterschiedlichster Art bestehen, sorgen die Gesetze und Verfahren, die das Asylsystem regeln, dafür, dass die Migration für diese Personengruppe sehr schwierig wird. Der Unterschied zwischen dem Bruch und der Kontinuität liegt also auch in der Art und Weise, wie die Behörden des Gastlandes die unterschiedlichen Migrationsbedingungen definieren.

Von Laure Sandoz und Katrin Sontag, Universität Basel, NCCR on the Move (übersetzt aus dem Französischen)

Fakten statt Mythen Nr. 125 / 3. Mai 2018