© UNHCR/Daniel Etter

Unhaltbare Panikmache

Das Stichwort der drohenden „Islamisierung“ entbehrt jeglicher Grundlage und stigmatisiert eine klare Mehrheit von gemässigten Muslimen zu Islamisten. Lediglich 4,9 Prozent der Schweizer Bevölkerung ist muslimischen Glaubens. Bei Asylsuchenden, die gerade mal 5 Prozent der Zuwanderer ausmachen, ist kein Anstieg an muslimischen Schutzsuchenden auszumachen.

Die Vorstellung, dass die Anzahl Personen muslimischen Glaubens in der Schweiz stark zunimmt und diese Zunahme darauf zurückzuführen ist, dass viele in die Schweiz geflüchtete Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern stammen, ist in den vergangenen Jahren immer mehr in die öffentliche Debatte eingeflossen. Diese Annahme stösst in einem Teil der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden, der dazu neigt, den Anteil muslimischer Gesuchstellenden an allen Asylgesuchen, die zahlenmässige Bedeutung von Asylsuchenden an der Gesamtzuwanderung, sowie die muslimische Bevölkerung in der Schweiz insgesamt zu überschätzen. Dies ist eine Tendenz, welche in vielen Einwanderungsländern beobachtet wird. Dieser Beitrag zeigt, gestützt auf statistische Angaben, dass diese Vorstellung kaum eine empirische Grundlage hat und formuliert einen kritischen Kommentar zur darauf aufbauenden Diskussion.

Um eine erste Annahme zu entkräften: Unsere Berechnungen auf der Grundlage der vom Staatssekretariat für Migration (SEM) zur Verfügung gestellten Daten zeigen, dass nur die Hälfte aller Personen im Asylbereich aus mehrheitlich muslimischen Ländern stammen (49 % insgesamt, inklusive anerkannte Flüchtlinge die über einen Aufenthaltsstatus B verfügen, vorläufig Aufgenommene und Personen in einem laufenden Asylverfahren).

Asylbereich bringt wenig Zuwanderer
Schutzsuchende aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern tragen aus einem weiteren, einfachen Grund nicht massgeblich zur Präsenz des Islams in der Schweiz bei: Der Asylbereich ist bloss für einen sehr geringen Teil der effektiven und dauerhaften Einwanderung in die Schweiz bei verantwortlich (ca. fünf Prozent gemäss den Statistiken des SEM). Die Zuwanderung aus muslimischen Ländern war in den 1980er und 1990er Jahren bedeutsam, als zahlreiche Menschen aus den Balkanstaaten und der Türkei aus verschiedenen Gründen in die Schweiz kamen (als Arbeitskräfte, auf dem Weg des Familiennachzugs und als Asylsuchende). Heute hingegen ist diese Zuwanderung – insbesondere weil sie vor allem über den Asylbereich stattfindet – zahlenmässig deutlich weniger wichtig und stellt rund einen Zehntel des Wanderungssaldo dar (11.6 % im Jahr 2015).

In diesem Sinn ist es nicht überraschend, dass der Anteil von Personen muslimischen Glaubens in der Schweiz seit Anfang des 21. Jahrhunderts relativ stabil geblieben ist und heute rund 4.9 % beträgt. Hochrechnungen beziffern den Anteil für das Jahr 2050 auf 7.6 % der Gesamtbevölkerung. Dabei sind sowohl Zuwanderung, als auch natürliches Bevölkerungswachstum miteingerechnet. Die Vorstellung einer « Islamisierung » der Schweiz durch die Ankunft geflüchteter Menschen hält einer wissenschaftlichen Analyse also nicht stand.

Eine statistische Analyse reicht selbstverständlich nicht, um dem Diskurs der Islamisierung entgegenzutreten. Dazu müssen wir uns mit der heterogenen Zusammensetzung der Kategorie der « Muslime » und der Idee auseinandersetzen, dass Ihre Anwesenheit in der Schweiz ein Problem darstellt. Zwei Mythen die es in einem weiteren Beitrag in dieser Reihe zu dekonstruieren gilt.

Von Robin Stünzi, Doktorand am Zentrum für Migrationsrecht und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien an der Universität Neuenburg (übersetzt aus dem Französischen)

Fakten statt Mythen N°85 / 24. Mai 2017