Über das Mittelmeer nach Europa ©UNHCR/Francesco Malavolta

Legales reisen ist ein Privileg der Nationalität

Während einige Personen ihre Ferien für einen Bruchteil ihres Lohns am anderen Ende der Welt verbringen können, verschulden sich andere, um auf illegale Weise und unter äusserst gefährlichen Umständen gewisse Gebiete zu durchqueren. Die Staatsbürgerschaft stellt für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit dar. Selten hinterfragen wir, welche Vorteile sie uns bringt. Sie hat jedoch starke Auswirkungen darauf, welche Privilegien wir geniessen.

Die Staatsbürgerschaft (oder die Staatsbürgerschaften, die meist über die Geburt, manchmal aber auch über die Einbürgerung erlangt werden) stellt für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit dar. Selten denken wir darüber nach, welche Vorteile sie uns bringt. Die Staatsbürgerschaft kann jedoch durchaus verschiedene Aspekte unseres Lebens beeinflussen.

Unterschiedlicher Zugang

Der Global Passport Power Rank gibt an, dass Staatsbürgerinnen und Staatsbürger aus Deutschland oder aus Singapur ohne Visum in 158 Länder reisen können, während afghanische, pakistanische, irakische oder syrische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger nur zu 30 Ländern Zugang haben. In gleicher Manier stuft der Quality of Nationality Index Deutschland, Dänemark und Finnland als die Länder mit der vorteilhaftesten Staatsbürgerschaft ein; die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan und die zentralafrikanische Republik bilden dagegen das Schlusslicht. Um die «Qualität» der verschiedenen Nationalitäten zu beurteilen, stützt sich das erste Ranking allein auf die Möglichkeit,  visafrei zu reisen. Das zweite Ranking berücksichtigt sowohl interne Faktoren wie etwa die ökonomische Entwicklung, den Human Development Index, Frieden oder Stabilität als auch externe Faktoren wie beispielsweise die Möglichkeit, visafrei zu reisen oder ohne umständliche Formalitäten im Ausland leben und arbeiten zu können.

Käufliche Vorteile

Indem sie Investitionsprogramme anbieten, die zum Erhalt von neuen Pässen führen sollen, setzen mittlerweile eine grosse Anzahl Länder und Unternehmen auf Privilegien, die gewisse Nationalitäten bieten. Beispielsweise empfiehlt das Unternehmen CS Global Partners interessierten Personen, dass sie auf diese Weise zusätzlich die Staatbürgerschaft für Länder wie Malta, Zypern, Grenada, Antigua-et-Barbuda, St. Kitts und Nevis, Saint Lucia und Dominica erlangen können. Dort kann für einen gewissen Betrag die Einbürgerung erstanden werden. Die Kosten dafür liegen für Saint-Lucie etwas unter 110’000 $, für Zypern etwas über 2 Millionen. Der wichtigste Vorteil dieser Pässe ist es, einen erleichterten Zugang zu Ländern wie den Vereinigten Staaten und China oder zu Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu erhalten. Im Wortlaut von CS Global Partners heisst das: «The advantages that come with holding multiple citizenships are varied. Among these are the right to hold citizen status for life, and to pass that status onto children. Freedom of movement, broadened rights to live, work, and facilitate access to a wider range of educational institutions.» (Magazin Belong, Nr. 5, Winter 2016, p. 9)

Ungleiche Verteilung von Privilegien

Die Vorteile, die mit verschiedenen Staatsbürgerschaften verbunden sind, unterscheiden sich folglich stark voneinander. Während einige Personen ihre Ferien für einen Bruchteil ihres Lohns am anderen Ende der Welt verbringen können, verschulden sich andere, um auf illegale Weise und unter äusserst gefährlichen Umständen gewisse Gebiete zu durchqueren. Obschon sich manche damit brüsten, dass die Privilegien des Adels abgeschafft wurden und «tous les êtres humains naissent libres et égaux en dignité et en droits», hat unsere Geburt – von der in den meisten Fällen auch die Staatsbürgerschaft abhängt – weiterhin einen grossen Einfluss darauf, von welchen Privilegien wir profitieren können. Gewisse Nationalitäten lassen sich heute sogar kaufen, wobei besonders der Erwerb einer kleinen Anzahl privilegierter Personen vorbehalten bleibt. Dies lässt uns unsere Position in einer Welt, die durch mehr oder weniger durchlässige Grenzen strukturiert ist, neu überdenken.

Aus dem Französischen von Laure Sandoz – Universität Basel/NCCR On the Move

Fakten statt Mythen N° 97 / 16. August 2017