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Die Ungarnflüchtlinge von 1956 in der Schweiz: Konstruktion eines Mythos und was wir heute daraus lernen können

Die Aufnahme einer grösseren Anzahl ungarischer Flüchtlinge in die «freien Welt» 1956 war ein Akt, der auf der internationalen Ebene Anerkennung fand. Die Schweiz konnte so ihrer humanitären Tradition neuen Glanz verleihen. Denn diese hatte durch die restriktive Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs an Glaubwürdigkeit eingebüsst.

Wenn Sie jemanden treffen, der den Herbst 1956 in der Schweiz erlebte, kann sich diese Person wahrscheinlich noch gut daran erinnern, wie der Widerstand der «ungarischen Freiheitskämpfer» gegen den sowjetischen Goliath und die Niederschlagung durch russische Panzer Erschütterung auslöste. Auch die Ankunft der ungarischen Flüchtlinge in der Schweiz ist im Gedächtnis haften geblieben. Ihr Gesprächspartner erinnert sich womöglich an eine kleine «Ilona» in seiner Schulklasse und an die wohlwollenden Worte der Lehrerin an sie oder an «Imre», einen guten Kollegen in der Firma, der anfangs noch kein Wort Deutsch sprach.

Solidarität

Schon bei der Ankunft der ersten Kontingentsflüchtlinge bezeugten die Schweizerinnen und Schweizer ihre Solidarität mit dem «ungarischen Volk»: Sie kamen zahlreich zu den Bahnhöfen, um sie willkommen zu heissen, boten ihnen Schokolade, Gastfreundschaft oder sogar Arbeit an. Die Historiker_innen begründen diesen Konsens zwischen der offiziellen Schweiz und der Zivilgesellschaft, der die «Integration» von über 10’000 Personen in knapp vier Monaten ermöglichte, mit der damals herrschenden antikommunistische Gesinnung und  der gute Konjunkturlage wie auch mit echtem Mitgefühl seitens der Zivilbevölkerung. Zu diesen Faktoren kommt ein Bild hinzu. 1956 war die ordentliche Aufnahme einer grösseren Anzahl dieser Flüchtlinge in der «freien Welt» ein Akt, der auf der internationalen Ebene Anerkennung fand. Die Schweiz konnte so ihrer humanitären Tradition neuen Glanz verleihen, die durch die restriktive Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs an Glaubwürdigkeit eingebüsst hatte. Der 1957 abgeschlossene, zu jenem Zeitpunkt jedoch noch geheime Bericht Ludwig und dessen Anhänge über den jüngsten Kurswechsel in der Asylpolitik zeigt, dass die Grosszügigkeit von 1956 im Rahmen einer «humanitären Aufholjagd» erfolgte.

Zwischen 1980 und 1990 verwendete der offizielle Diskurs des Bundesrats das Bild der Ungaren, wenn es um Neuankömmlinge ging, bei denen es sich nicht mehr um diese Flüchtlinge des Kalten Kriegs handelte und die vor anderen Arten von Konflikten geflohen waren. In einer tendenziösen Debatte über «echte und falsche Flüchtlinge» wurden die «echten» ungarischen Flüchtlinge regelmässig als Integrationsvorbild herangezogen. Gemäss diesem Diskurs erleichterte es ihre Integration 1956, dass ihre Kultur «unserer ähnlich» sei und dass sie «gut ausgebildet» waren oder «sich entwickeln» wollten. Hierbei handelt es sich um eine mystifizierte Erinnerungskonstruktion und um eine politische Instrumentalisierung der Geschichte.

«Kulturell ähnlich»?

Liest man Kommentare aus jener Zeit, wird «der ungarische Flüchtling» nicht als «kulturell ähnlich» beschrieben. Die Presse und Dokumente des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements schildern im Gegenteil die «andere Mentalität» der Ungarinnen und Ungaren: ungeduldig, stolz, redselig, verschwenderisch sind Attribute, die häufig zur Beschreibung verwendet wurden. Die Beamten der Kantonspolizeien, die mit der Platzierung von Flüchtlingen beauftragt waren, hielten enttäuscht fest, dass einige die Arbeitsstelle, die man ihnen anbot, ablehnten oder verliessen. Zudem wurden die ungarischen Flüchtlinge als sehr «exotisch» eingeschätzt, weil sie im Zeitgeist des «Bolschewismus» aufgewachsenseien: Gewisse Reaktionen oder Gewohnheiten, zum Beispiel, dass die Frauen hier in der Schweiz nicht Hausfrauen sein wollten, sondern wie in Ungarn arbeiten wollten, seien darauf zurückzuführen, dass sie längere Zeit in einer kommunistischen Staatsform gelebt hätten. Jedes kleine Problem wurde der «revolutionären» Indoktrinierung, die sie erfahren hätten, zur Last gelegt. Somit scheint das Argument der «kulturellen Ähnlichkeit» als Integrationsfaktor eine Erfindung zu sein.

«Gut ausgebildet»?

Zweitens war die Mehrheit der ungarischen Flüchtlinge, auch wenn man die Student_innen, Intellektuellen, Ingenieur_innen, Ärzt_innen mit einrechnet, qualifizierte und unqualifizierte Arbeiterinnen und Arbeiter. Das Bild vom «hoch qualifizierten Flüchtling», das verbreitet wurde, ist falsch. Auch wenn der Status des Studenten an sich nichts über die Qualität der Ausbildung einer Person aussagt, zeigt das nachfolgende Beispiel diese Tatsache sehr gut auf: 533 (von 10’000) ungarischen Flüchtlingen gaben an, Student_innen zu sein, doch nur die Hälfte von ihnen wurde an Schweizer Universitäten aufgenommen, die übrigen wurden als «ungeeignet» beurteilt.

Die Quellen aus jener Zeit hoben hervor, dass der Weg zur Integration lang sein werde. Überall war zu lesen, dass die Schweizerinnen und Schweizer «Geduld» und «Verständnis» gegenüber den «Entwurzelten» aufbringen müssten. Die Behörden förderten die Integration mit ehrgeizigen Massnahmen wie kostenlosen Sprachkursen, Börsen, der Veröffentlichung von Zeitschriften in Ungarisch und Informationen in ungarischer Sprache. Die Integration wurde, sofern es sich beurteilen lässt, durch die effiziente Aufnahmeinfrastruktur und die beschriebenen Massnahmen bestimmt gefördert, doch es wäre irreführend, dies ausschliesslich zu idealisieren.

Oft ist das Misstrauen gegenüber Neuankömmlingen ein zyklisches Phänomen. Das Bild von Migrant_innen und Flüchtlingen wandelt sich und ist kontextabhängig. Nach der Ankunft neuer Gruppen, die als «kulturell weniger ähnlich» erachtet werden, erfahren die Vorgänger oft eine positive Neubewertung. Heutzutage sind es Syrer_innen, Eritreer_innen und Afghan_innen, die – wie 1956 die Ungar_innen – auf der Suche nach einem sicheren Lebensumfeld sind. Der Fall der Ungar_innen von 1956 ist nicht als Gegenbeispiel anzuführen, sondern vielmehr als Moment, in dem Empathie und Grosszügigkeit Oberhand über kulturelle oder pragmatische Überlegungen gewannen.


Gastbeitrag von Tiphaine Robert, Doktorandin und Assistentin für Zeitgeschichte, Universität Freiburg

Fakten statt Mythen Nr. 113 / 7. Dezember 2017