Haben Schutzsuchende Zugang zur Universität?

Die Medien stellen Geflüchtete oft als wenig gebildete Personen dar. Doch wer die Flucht nach Europa schafft, ist oft besser ausgebildet, als der Durchschnitt der Gesellschaft im Heimatland. In diesem Artikel geht es um die Frage, welchen Zugang zu einer tertiären Ausbildung Menschen haben, die in die Schweiz geflüchtet sind.

Gemäss einer Studie der OECD ist das zunehmend höhere Ausbildungsniveau der Geflüchteten ein wichtiger Aspekt der aktuellen Migrationssituation: Während nur 15 Prozent der Personen, die zwischen 1988 und 1993 in Europa Schutz erhalten haben, über einen tertiären Abschluss verfügen, hatten 21 Prozent der syrischen Asylsuchenden in Deutschland zwischen 2013 und 2014 bereits eine Universität besucht. Mehr als 40 Prozent der 2014 in Schweden lebenden Syrer und Syrerinnen verfügten mindestens über eine höhere Sekundarausbildung.

Schutzsuchende Personen haben oft den Wunsch, ihre bereits begonnenen Studien in einem neuen Land weiter zu verfolgen, um ihre Berufschancen zu verbessern. Der Zugang zu Ausbildung ist jedoch oft erschwert. Flüchtende haben nicht immer die Möglichkeit, ihre Ausbildungs-Diplome und -Nachweise mitzunehmen. Die Ausbildungsstätten im Aufnahmestaat erkennen die Abschlüsse oft nicht an. Sprachbarrieren, Mobilitäts-hindernisse, mangelnde Information und prekäre finanzielle Verhältnisse erschweren eine Fortsetzung der Ausbildung  ebenfalls stark.

In der Schweiz sind in letzter Zeit mehrere Projekte entstanden, welche den Zugang geflüchteter Personen zur Universität ermöglichen wollen. In Genf sind seit Studienbeginn im September 2016 im Rahmen des Programms «Horizon Académique» 35 Schutzsuchende als Hörende zu gewissen Kursen zugelassen. Gleichzeitig lernen sie Französisch und werden von Studierenden unterstützt, welche ihnen als Mentorinnen zur Seite stehen. In Basel läuft seit Februar 2016 ein ähnliches Programm namens «Offener Hörsaal» mit 20 Personen und seit Herbst 2016 auch in Bern. In Zürich existiert seit dem vergangenen September das «Schnuppersemester für Flüchtlinge», das mit 40 Teilnehmenden gestartet ist. Es richtet sich explizit an Schutzsuchende mit akademischem Hintergrund, die bereits ein technisch-naturwissenschaftliches Studium angefangen oder abgeschlossen haben.

Die Entstehung dieser Projekte ist sehr erfreulich, jedoch erst ein Anfang. Es bestehen mehrere Schwierigkeiten: Die Programme erlauben keinen Zugang zu einem anerkannten Abschluss. Die Teilnehmenden dürfen zwar den Kursen beiwohnen, aber sie sind nicht berechtigt, die für einen Abschluss notwendigen ECTS-Punkte zu sammeln. Trotz der grossen Nachfrage bleibt der Zugang zu den Programmen zudem auf einen kleinen Kreis von Personen beschränkt. Weil die Ressourcen fehlen, mussten die erwähnten Programme zahlreiche Kandidierende ablehnen. Schutzsuchende, die erst vor kurzem in der Schweiz angekommen sind, müssen also noch lange auf eine Möglichkeit warten, sich zu entfalten. Es bleibt ein langer Weg, bis die hiesige Gesellschaft von ihren Kompetenzen profitieren kann.

Von Laure Sandoz – Universität Basel et NCCR on the move (übersetzt aus dem Französischen)

Fakten statt Mythen N° 57 / 9. November 2016