«Alle wollen zu uns»: Vom Mythos, Europa sei das Hauptziel für Flüchtende

Der Mythos hält sich hartnäckig, dass Europa – manchmal auch speziell die Schweiz bzw. allgemein der Westen – ein derart starker Magnet für Migrierende sei, dass gewisse Krisenländer geradezu Gefahr liefen, «entvölkert» zu werden. Besonders oft bezieht sich dieser Mythos auf den afrikanischen Kontinent, von dem es immer noch heisst, er sei ein «verlorener» Kontinent voller «failed states». Um dieser Wahrnehmung zu entgegnen, sollen in diesem Beitrag sowohl aktuelle Zahlen zu Flüchtenden weltweit, als auch in Afrika näher betrachtet werden.

Nicht Europa sondern das eigene Land sowie die Nachbarländer sind das Hauptziel der Flüchtenden

Für Fragen über Herkunft und Ziel von Flüchtenden ist die Datenbank des UNHCR die mit Abstand beste Informationsquelle. Diese Informationen sind eindeutig: Von den Ende 2015 weltweit knapp 64 Millionen Personen auf der Flucht sind 58,7 Prozent innerhalb ihres eigenen Staats und nicht in ein anderes Land geflüchtet (intern Vertriebene, die sogenannten internally displaced people, kurz IDPs). Von denen, die in ein anderes Land flüchten, bleiben 86 Prozent in Entwicklungsländern und damit in aller Regel in der entsprechenden Region. So sind etwa 13,5 Millionen Menschen von der Syrienkrise betroffen. Davon sind etwa 64 Prozent intern Vertriebene, 27 Prozent Geflüchtete im Nahen und Mittleren Osten und nur etwa 9 Prozent flohen nach Europa.

Die meisten Menschen nehmen die Flucht nach Europa erst dann auf sich, wenn es im ganzen Heimatland zu gefährlich und die Versorgungslage in den Nachbarländern zu schlecht geworden ist. Die Unterbringung von Flüchtenden in den Nachbarländern hat Vor- und Nachteile sowie gewisse Kapazitätsgrenzen, wie die Lage in Jordanien oder im Libanon aktuell zeigt. Gerade im Libanon ist die Versorgungsinfrastruktur derzeit völlig überlastet.

Bei Vorträgen und Podiumsdiskussionen kommt häufig der Einwand, dass diese Trends zwar für einige Länder gälten, aber nicht für Afrika. Krisen dort würden zwangsläufig zu massiver Auswanderung nach Europa führen. Die verfügbaren Zahlen belegen jedoch, dass diese Vermutung falsch ist. 2014 und 2015 lagen sechs der zehn häufigsten Herkunftsländer für Flüchtende in Afrika (Somalia, Süd-Sudan, Sudan, DR Kongo, Zentralafrikanische Republik und Eritrea). Dennoch kommt unter den zehn häufigsten Herkunftsländern für Flüchtende in Europa im gleichen Zeitraum nur Eritrea vor. Unter den zwanzig häufigsten Herkunftsländern sind es bloss Somalia und der Sudan. Dies hat sich auch im Jahr 2016 nicht geändert. Auch hier sind die Nachbarländer die häufigsten Ziele, insbesondere Äthiopien, Kenia, Tschad und Uganda. So hat beispielsweise eine politische Krise in Burundi im letzten Jahr über 300‘000 Menschen zur Flucht gezwungen. Fast alle sind in die Nachbarländer geflohen, besonders nach Uganda, was laut UNHCR grosse Versorgungsprobleme ausgelöst hat. Diese Krise hat sich dabei in keiner Weise auf die Zahl der Burundischen Asylsuchenden in Europa ausgewirkt – in der Schweiz sind es für das laufende Jahr bisher 15 Personen. Damit rangiert Burundi nicht einmal unter den Top-50 der Herkunftsländer.

Es ist also keineswegs so, dass alle Flüchtenden nach Europa kommen oder es einfach zurzeit keine Flüchtenden in Afrika gibt. Wir erfahren jedoch nur sehr wenig über sie, weil sie nicht bis nach Europa kommen. Das ist einerseits problematisch, weil wir kaum über die kritische Versorgungslage dieser Menschen informiert sind und andererseits schade, weil wir so wenig über die positiven Erfahrungen einiger Länder mit Flüchtenden erfahren. Uganda zum Beispiel ist zwar eines der ärmsten Länder der Welt, aber auch das Land mit den besten Bedingungen für Flüchtende.

Von Tobias Eule, Universität Bern

Fakten statt Mythen N° 56 / 2. November 2016