Migration ist kein Ausnahmezustand

Sei es in Wahlkämpfen oder wenn wieder einmal von der «Flüchtlingskrise» (siehe FsM No. 6 und No. 54) die Rede ist: Migration wird heutzutage gerne als Ausnahmezustand dargestellt, als Phänomen, welches es zu bekämpfen gilt.

Sich räumlich zu bewegen, ist jedoch eine Wesenseigenheit des Menschen, eine «tief im Wesen des Menschen verwurzelte Eigenschaft, die das Überleben der Jäger und Sammler, die Verbreitung der menschlichen Spezies über die Kontinente, die Verbreitung des Ackerbaus, die Besiedelung leerer Räume, die Integration der Welt und die erste Globalisierung im 19. Jahrhundert ermöglichte». So jedenfalls sieht es der italienische Demograph und Partito Democratico-Politiker Massimo Livi Bacci in seiner Kurzen Geschichte der Migration. Laut Bacci ist Migration keine «lästige Begleiterscheinung», sondern im Gegenteil eine «strukturelle Komponente des sozialen Lebens» und ein wichtiger Motor der Gesellschaft.

Das Buch des Verfassers diverser Studien zu Bevölkerungswanderungen enthält eine Menge Informationen zu Migrationsbewegungen der letzten 700 Jahre, mit einigen Exkursionen in die Antike, zu den Inkas und in die Neusteinzeit. Mit Fokus auf Europa untersucht er sowohl innereuropäische, als auch interkontinentale Migrationsbewegungen und erinnert uns mit eindrücklichen Zahlen daran, dass Europa während vieler Jahrhunderte ein Auswanderungskontinent war. So erfahren wir zum Beispiel, dass bei einer Gesamtbevölkerung von 188 Millionen zwischen 1800 und 1915 fünfzig Millionen Europäerinnen und Europäer ihren Kontinent verliessen, beinahe die Hälfte davon zwischen 1900 und 1915.

Auf wenigen Seiten fasst Livi Bacci einen wesentlichen Teil der Menschheitsgeschichte zusammen und bietet dabei sowohl Fakten als auch Interpretationsansätze an. Er wagt auch einen Blick in die Zukunft (bis 2050) und analysiert einige aktuelle Herausforderungen der europäischen Migrationspolitik. Hier findet sich allerdings die Schwachstelle der Ausführungen, denn sowohl Diskussion als auch Lösungsansätze bleiben relativ oberflächlich und vage. Wer Antworten sucht, die ebenfalls über die gängigen Argumente hinausgehen, dem sei das Werk Migrationsland Schweiz: 15 Vorschläge für die Zukunftans Herz gelegt, welches nicht nur prägnante Analysen, sondern auch – und vor allem – konkrete, innovative Lösungsansätze und Zukunftsperspektiven, wie Migration in der Schweiz in Zukunft gehandhabt werden könnte. Die 15 Thesen haben es allesamt verdient, von einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert zu werden, und werden sicher zu einer konstruktiveren Migrationsdebatte beitragen.

Obwohl gegen Ende konkretere Vorschläge wünschenswert wären, bleibt Baccis Kurze Geschichte der Migration ein sehr empfehlenswertes Buch. Es legt insbesondere überzeugend dar, dass Migration kein neues Phänomen oder gar ein Ausnahmezustand ist, sondern im Gegenteil ein Urbedürfnis des Menschen, welches unser Dasein seit jeher geprägt hat. Die historische Perspektive ist gerade im Hinblick auf die aktuellen Migrationsdebatten von Interesse.

Von Nesa Zimmermann, Doktorandin am Departement für öffentliches Recht an der Universität Genf

Fakten statt Mythen N° 58 / 16. November 2016