© UNHCR / G. Moutafis

«Flüchtlingsströme»: Wie Begriffe unser Handeln manipulieren

Angesichts der im vergangenen Jahr in Europa gestiegenen Flüchtlingszahlen hat der Themenkomplex um Flüchtlinge und Asyl innerhalb der Deutschschweizer Medienlandschaft eine eindrückliche Dominanz erlangt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns keine Statusmeldung in mehr oder weniger dicken Lettern zur «Flüchtlingskrise» im In- und Ausland erreicht. Unter den meistbeachteten Zeitungen hat sich dabei eine Sprache eingependelt, die sich auffallend oft einer bedrohlich anmutenden Wassermetaphorik bedient: Von einem «Flüchtlingsstrom» ist die Rede, von «Flüchtlingswellen» und «–fluten», ja sogar von einem «Flüchtlingstsunami» war zu lesen. Das ist problematisch, denn Flüchtlinge sind keine zu bändigenden Naturgewalten, sondern Menschen in einer Notsituation.

Am 5. März 2011 schrieb Res Strehle, Chefredaktor des Tages Anzeigers, unter dem Titel «Wenn Menschen zu Wellen werden» trefflich: «Sprache ist verräterisch. Wenn Begriffe wie ‹Flüchtlingswelle› oder ‹Flüchtlingsstrom› allzu oft auftauchen, dann darf vermutet werden, dass sie entweder unbewusste Ängste ausdrücken oder solche demagogisch schaffen wollen.» Von dieser Sensibilität ist beim Tages Anzeiger in jüngster Zeit freilich nicht mehr viel zu spüren. Eine willkürliche Auswahl aus den vergangenen Monaten lässt erkennen, dass die Zeitung bei der Verwendung der genannten Begriffe offenbar keine Berührungsängste mehr kennt. Die vermeintliche Zeitenwende im Jahr 2015 hat die Zurückhaltung schwinden lassen.

Damit befindet sich der Tages Anzeiger in prominenter Gesellschaft, widerspiegelt er doch deutlich den derzeit geläufigen Sprachgebrauch der auflagenstärksten überregionalen Deutschschweizer Tageszeitungen. Während Begriffe wie «Flüchtlingssturm» und «Lawine» (20 Minuten) oder «Tsunami» (Blick) noch vornehmlich als Zitate zwischen Anführungs- und Schlusszeichen auftauchen, so dienen «Flüchtlingsstrom» und «Flüchtlingswelle» (NZZ), sowie «Flüchtlingsflut» (Tages Anzeiger) ungeachtet von Inhalt und Aussage der jeweiligen Berichte oftmals zur vorgeblich wertneutralen Beschreibung der Situation.

Handelt es sich bei dieser Häufung nun – in den Worten Strehles – um den Ausdruck «unbewusster Ängste» oder um den Drang, solche «demagogisch schaffen» zu wollen? Es entsteht der Eindruck, dass beides nicht vollständig zutrifft. Vielmehr bietet sich insgesamt das Bild eines medialen Selbstläufers: Es ist augenfällig, wie sich die meinungsbildenden Medien gegenseitig im Katalog der Begrifflichkeiten bedienen. In einer redaktionellen Wechselwirkung vergewissern sich die Zeitungen der Vertretbarkeit und Trefflichkeit ihrer Sinnbilder und stilisieren sie durch stetige Wiederholung zur Tatsache. Es resultiert ein allgegenwärtiges Geflecht aus Wassermetaphern, das sich der lesenden Öffentlichkeit als in sich schlüssige Deutungsmaske aufdrängt.

Metaphern beeinflussen unser Handeln

Nun ist es nicht grundsätzlich verwerflich, bei der Vermittlung von Informationen eine bildhafte Sprache zu verwenden. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht dienen Metaphern sinnvollerweise dazu, einen komplexen Sachverhalt in eine einfachere, verständliche Form zu giessen. Sie bieten damit ein Denkgerüst, das uns beim Einordnen neuer Informationen behilflich ist. Gleichzeitig ist beim Gebrauch von Metaphern aber Sorgfalt geboten, denn Sprache schafft Realität: Stellen wir uns Flüchtlinge ganz selbstverständlich als Wassermassen vor, passt sich unser Handeln dieser Logik an.

Das Bild von Strömen, Wellen und Fluten stellt Flüchtlinge als Naturgewalt dar, die grosses zerstörerisches Potenzial in sich trägt. Es weckt eine Angst vor Überschwemmungen und Ertrinken, Ausgeliefertsein und Machtlosigkeit. Darauf folgt der Reflex, der empfundenen Gefahr mit entsprechenden Massnahmen zu begegnen: Ströme gilt es einzudämmen, gegen Wellen und Fluten braucht man sich zu wappnen, nötigenfalls zu verbarrikadieren. In dieser Logik ist kein Platz für die Tatsache, dass Flüchtlinge menschliche Individuen sind, die persönliche Lebensentwürfe, Handlungswillen und schöpferische Fähigkeiten mitbringen. Stattdessen findet eine kollektive Verdinglichung und 403 Menschen (Stand 10. Februar 2016) von den Wellen des Mittelmeers verschluckt worden sind. Leider handelt es sich dabei nicht um eine Metapher.

Von Raphael Albisser, Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH

Fakten statt Mythen N°18 / 10. Februar 2016