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Alles sicher in Sri Lanka?

«Seit dem Regierungswechsel vor einem Jahr ist alles anders: Die neue Regierung lässt Verhaftungen von Rückkehrern nicht zu», beteuerte der sri-lankische Aussenminister bei seinem Besuch in der Schweiz im März 2016. Auch Bundesrat Didier Burkhalter gab sich anlässlich des Besuchs optimistisch: «Die Leute können zurückgehen». Man müsse zwar vor allem im Norden aufpassen. «Aber das wird sich in den nächsten Monaten wahrscheinlich auch verbessern». Das Staatssekretariat für Migration (SEM) ändert aktuell seine Asyl- und Wegweisungspraxis zu Sri Lanka. Das SEM hält neu den Wegweisungsvollzug nach Sri Lanka für alle Landesteile für grundsätzlich zumutbar.

Doch ist Sri Lanka wirklich sicher für Rückkehrende? Der Regierungswechsel im Januar 2015 hat Hoffnungen auf Veränderung geweckt. Der neue Präsident Maithripala Sirisena hat eine Reihe positiver Entwicklungen eingeleitet und eine – wenn auch nur zögerliche – Zusammenarbeit mit dem UNO-Menschenrechtsrat in bestimmten Bereichen der Vergangen-heitsaufarbeitung aufgenommen.

Neben den positiven Aspekten gibt es aber weiterhin Realitäten vor Ort, welche die Sicherheit Rückkehrender in Frage stellen. Insbesondere gilt dies für Personen, welche von den sri-lankischen Behörden verdächtigt werden, Verbindungen zu Anhängern der ehema-ligen Rebellen «Tamil Tigers» zu haben.

2015 und 2016 gab es zahlreiche Fälle von Verhaftungen von nach Sri Lanka rückkehren-den tamilischen Personen, meist wegen angeblicher ehemaliger Mitgliedschaft bei den «Tamil Tigers». So wurde zum Beispiel Anfang Juni 2016 ein britischer Tamile während seines Hochzeitsbesuchs in Jaffna verhaftet und misshandelt. Über 160 tamilische Perso-nen befinden sich weiterhin wegen angeblicher Verbindung zu den ehemaligen «Tamil Tigers» aufgrund der drakonischen Anti-Terror-Gesetzgebung in Haft. Diese wird trotz internationaler Kritik weiter angewendet, um auch im laufenden Jahr Personen zu verhaften. Im März 2016 hat ein Sprengstoff-Fund in Jaffna ausserdem zu einer Welle willkürlicher Verhaftungen geführt.

Juan E. Mendez, UNO-Sonderberichterstatter zu Folter, schlägt nach seinem Besuch in Sri Lanka im Mai 2016 Alarm: In Sri Lanka ist es übliche Routine der sri-lankischen Polizei und der Sicherheitskräfte, inhaftierte Personen zu foltern. Besonders häufig foltert die Anti-Terror-Einheit, die oft bei Verdachtsfällen wegen Verbindungen zu den ehemaligen «Tamil Tigers» aktiv wird. Die Folterungen bleiben laut Mendez völlig straflos.

Im Jahr 2015 und 2016 wurde von neuen Fällen der ehemals berüchtigten Entführungen mittels weisser Lieferwagen berichtet. Renommierte NGOs haben zahlreiche Fälle von Folterungen tamilischer Personen nach Verhaftungen oder Entführungen durch die sri-lanki-schen Sicherheitskräfte, die sich nach dem Regierungswechsel im Jahr 2015 ereignet haben, dokumentiert. Die Betroffenen wurden beschuldigt, die im Bürgerkrieg zerschla-genen «Tamil Tigers» wieder aufbauen zu wollen. Der Geheimdienst überwacht Personen auch im Ausland. Betroffene berichten, dass ihnen während Verhören Fotografien ihrer Teilnahme an Demonstrationen im Ausland vorgelegt wurden.

Familienangehörige von ins Ausland geflüchteten Personen werden von Sicherheitskräften verhört. Tamilische Aktivistinnen und Aktivisten sowie Medienschaffende werden systema-tisch von Polizei und Militär schikaniert und eingeschüchtert.

Besonders im mehrheitlich tamilischen Norden des Landes ist die Präsenz und Überwachung durch das sri-lankischen Militär auch sieben Jahre nach Ende des Bürgerkriegs sehr gross. Tamilische Personen, welche aus dem Ausland zurückkehren, werden oft überwacht. Insbesondere im Vanni-Gebiet im Norden gibt es ein umfassendes Netzwerk von tamilischen Informanten, welche Rückkehrende beobachten. Nach Insider-Angaben suchen Mitglieder des sri-lankischen Militärgeheimdiensts im Norden Sri Lankas aktiv nach tamilischen Personen, die aus dem Ausland zurückkehren.

Aus Sicht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe ist eine Praxisänderung des SEM zu Sri Lanka verfrüht. Rückkehrende können weiterhin gefährdet sein. Um Fehlentscheide mit dramatischen Konsequenzen für die Betroffenen zu vermeiden, muss jeder Einzelfall unter Einbezug korrekter und aktueller Herkunftsländerinformationen und unter Berücksichtigung der Herkunftsregion (Norden, insbesondere Vanni-Gebiet sowie Osten) sorgfältig geprüft werden.

Von Adrian Schuster, Länderexperte bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH

Fakten statt Mythen N° 40 / 13. Juli 2016