Flüchtlingstage 2011

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH will mit dem Tag des Flüchtlings am 18. Juni aufzeigen, welch wichtigen Beitrag Flüchtlinge nicht nur im Beruf, sondern im gesamten gesellschaftlichen Umfeld in der Schweiz leisten. Gleichzeitig appelliert sie an die Schweizerinnen und Schweizer, eine solidarische Willkommenskultur zu pflegen.

Thematisch knüpft die SFH 2011 an die letztjährige Kampagne zum Flüchtlingstag an. Sie vertieft ihre Sensibilisierungsarbeit für die berufliche Integration und die gesellschaftliche Akzeptanz von Flüchtlingen. Als wichtige Partner konnte die SFH wiederum das Bundesamt für Migration BFM und das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge UNHCR gewinnen.

Konkret will die SFH 2011 folgende Botschaften vermitteln:

  • Wertschätzung steigern. Flüchtlinge sind erfolgreich und leisten einen wertvollen Beitrag zur Schweizer Berufswelt und Gesellschaft.
  • Partizipation fördern. Flüchtlinge haben der Schweiz viel zu geben: Talent, Berufserfahrung, Motivation und die Begeisterung darüber, dass sie hier berufliche und soziale Möglichkeiten haben, von denen sie in ihrer ehemaligen Heimat oft nur träumen konnten.
  • Vorbehalte abbauen. Flüchtlinge sollen sich in der Schweiz willkommen und wohl fühlen. Dies erleichtert ihre Integration.

Wie kann Integration gelingen?

Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene erhalten in der Schweiz zu Recht Schutz. Im Gegenzug bieten sie uns Kompetenzen und Berufserfahrung, Motivation und Engagement. Was ihnen fehlt, ist breite gesellschaftliche Akzeptanz. Dafür setzen sich die Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH und das UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR ein.

Die berufliche Integration ist eine solide Basis für die gesellschaftliche Integration – und umgekehrt. Wer gesellschaftlich gut integriert ist, steigert seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Bei der Arbeitssuche müssen Flüchtlinge die gleichen Hürden überwinden, die auch für Schweizerinnen und Schweizer beim Einstieg in die Berufswelt gelten. Oft sind die Hürden sogar noch höher: Ihre im Herkunftsland erworbenen Diplome werden teilweise in der Schweiz nicht anerkannt, und Bewerbungsschreiben mit fremd klingendem Absender haben weniger Aussicht auf Erfolg. Um im Wettbewerb dennoch bestehen zu können, greifen Flüchtlinge auf ihre eigenen Ressourcen zurück: Lebenserfahrung, Talente, Kompetenzen, Lernfähigkeit und Motivation.

Flüchtlinge haben Kompetenzen und Talente

Wenn man uns Schweizerinnen und Schweizer in ein Klischee presst, wehren wir uns zu Recht. Das hindert uns leider nicht daran, Flüchtlinge allzu oft zu pauschalisieren. Flüchtlinge sind aber keine homogene Gruppe. Sie unterscheiden sich nach Kultur, Herkunft, Alter, Sprachkenntnissen, Talent, Ausbildung, Qualifikationen, beruflicher Erfahrung, Kenntnissen der hiesigen Arbeitssituation, Aufenthaltsdauer usw. Viele bringen viel Potenzial mit, das der Schweiz nützt, sofern es auch erkannt wird. Es ist daher wichtig, auf die brachliegenden Ressourcen hinzuweisen, diese zu nutzen und gezielt zu fördern.

Chancengleichheit und Integration

Voraussetzung für eine gelungene Integration ist die Chancengleichheit bei Bildung, Wohnen, Arbeit und Freizeitgestaltung. Die SFH fördert den Kontakt zwischen allen Bevölkerungsgruppen, ermutigt Flüchtlinge, sich in Kirchgemeinden, Schule oder in Vereinen zu engagieren und aktiv den gesellschaftlichen Kontakt in der Schweiz zu suchen. Dadurch rücken Gemeinsamkeiten in den Vordergrund, was einen ersten Schritt in Richtung Integration darstellt.

Porträts

Drei Flüchtlinge erzählen von ihrem beruflichen und sozialen Werdegang in der Schweiz:

Tesfaye Eticha

Tesfaye Eticha flüchtete 1998 aus dem von Krisen und Kriegen zerrütteten Äthiopien in die Schweiz – und tat hier, was er im äthiopischen Hochland auf dem Weg zur fünf Kilometer entfernten Schule täglich gemacht hatte: Er rannte. Mit Erfolg. Tesfaye Eticha ist hierzulande zu einem der siegreichsten Marathonläufer geworden. Er ist mehrfacher Lausanne-, Jungfrau-, Genf- und Zürich-Marathon-Sieger. Kaum ein Schweizer Langstreckenlauf, den der mittlerweile 37-Jährige nicht schon gewonnen hätte. In der Schweiz ist er – auch dank der begeisterten Unterstützung seines Umfeldes – zu Bestform gelaufen. Jetzt träumt Tesfaye Eticha vom Schweizer Pass. Mit diesem in der Tasche könnte er seine neue Heimat 2012 an den Olympischen Spielen in London vertreten.

Farida Nosha

Farida Nosha, von der Herkunft her Tatarin, flüchtete 1990 vor einem blutigen ethnischen Konflikt aus Südkirgisistan und traf 1992 in der Schweiz ein. Hier musste sich die Bauingenieurin erst einmal damit abfinden, dass sie in der Schweiz nicht mehr in ihrem erlernten Beruf arbeiten konnte: Weder ihre Ausbildung noch ihre Diplome wurden anerkannt. Wie so viele Flüchtlinge musste sich Farida Nosha ein völlig neues Leben aufbauen. Heute ist die mittlerweile 51-jährige alleinerziehende Mutter interkulturelle Übersetzerin, Dolmetscherin und Erwachsenenbildnerin – und hat bereits ein neues Projekt ins Auge gefasst: Sie möchte Slawistik und Geschichte studieren, um den Menschen in der ehemaligen Sowjetunion die Vorzüge der Demokratie vermitteln zu können.

Demë Jashari

Als Journalist und Intellektueller kämpfte Demë Jashari im Kosovo für das Recht auf seine Kultur und auf seine Sprache. 1989 flüchtete er vor einem drohenden Gefängnisaufenthalt in die Schweiz. Seine Berufung und seinen Beruf musste Jashari an der Grenze zurücklassen. «Als ich in der Schweiz ankam, war ich gar nichts mehr», sagt der 53-Jährige. Er verdingte sich als Handlanger in Kantinen und auf Baustellen. Bis ein Berufsunfall, gefolgt von einem Verkehrsunfall, körperliche Arbeit verunmöglichten. Doch Jashari hat sich nicht entmutigen lassen. Als Übersetzer und interkultureller Vermittler hat er einen Weg gefunden, von seiner Lebenserfahrung und seinen Sprachkenntnissen zu leben, und zieht daraus – wie er selbst sagt – die Befriedigung, etwas Nützliches zu tun.