Joséphine Niyikiza spricht über ihre Erfahrungen am Begegnungstag Rämibühl. Foto: Bernd Konrad

Die Unterstützung der Zivilbevölkerung ist massgeblich

Nach einer zehn Jahre dauernden Flucht vor dem Genozid in Ruanda kam Joséphine Niyikiza 2004 in die Schweiz. Heute arbeitet sie als ausgebildete Fachfrau Gesundheit bei der Stiftung Rajovita in Jona und sensibilisiert an SFH-Bildungsanlässen mit ihrer Fluchtgeschichte Schülerinnen und Schüler. Sieben Jahre war sie nur vorläufig aufgenommen. Steinig und lang war deshalb der Weg bis zu ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit.

Von Barbara Graf Mousa, Redaktorin SFH

Es begann damit, dass über ihr Asylgesuch zunächst negativ entschieden worden ist. Joséphine Niyikiza erzählt: «Ich kam 2004 mit dem jüngsten Sohn Espoir in die Schweiz. Nach meiner Anhörung bekam ich einen negativen Entscheid, weil meine Aussagen als unglaubwürdig bewertet wurden, ich war misstrauisch, verstrickte mich dauernd, ich war traumatisiert und unfähig, zusammenhängend zu denken.» Die Rechtsberatungsstelle St. Gallen half ihr schliesslich weiter mit einem erfolgreichen Rekurs gegen den negativen Asylentscheid und mit einem Antrag für eine Trauma-Therapie. «Endlich fühlte ich mich verstanden und fasste Vertrauen», sagt die Mutter von drei bald erwachsenen Kindern. «Schade, dass viele Asylsuchende nicht mehr Informationen über die Rechtberatungsstellen erhalten. Diese Leute waren für mich die wichtigsten und hilfreichsten und dazu noch freundlich und menschlich. Sie sind zudem realistisch und in allem wirklich kompetent.»

Joséphine Niyikiza stammt aus einer wohlhabenden ruandischen Familie und wollte beruflich in die Fussstapfen ihrer Mutter treten, die Ärztin war. Auch sie wollte Medizin studieren. Der Studienplatz in Ruanda war bereits organisiert, als 1994 der Bürgerkrieg ausbrach. Seither hat sie ihre Familie nie mehr gesehen. Während ihrer Flucht durch die Demokratische Republik Kongo, Kongo-Brazzaville und Kamerun waren ihr medizinisches Interesse gerade in den Flüchtlingslagern sehr gefragt, ja oft von Nöten. «So wie viele andere Flüchtlinge habe ich Verletzten und Kranken einfach immer geholfen, manchmal konnte ich sogar für ausgebildete Pflegerinnen und Ärzte assistieren.»

In der Schweiz durfte sie während des Asylverfahrens und während des Rekurses gegen den negativen Asylentscheid nicht arbeiten. Trotzdem suchte sie bei jeder Gelegenheit Kontakt mit Schweizerinnen und Schweizern zum Beispiel mit der benachbarten Bauernfamilie, im öffentlichen Verkehr, auf dem Spielplatz mit den Kindern oder beim Einkaufen. «Die Sprache ist das Wichtigste. Sie ist der Schlüssel zur Arbeitswelt», ist Joséphine Niyikiza überzeugt.

Sieben Jahre im Provisorium

Im Juli 2006 beschied ihr das Staatssekretariat für Migration SEM den F-Status «vorläufig aufgenommen» als Ausländerin. «Ich war sehr enttäuscht. Vorläufig aufgenommen?! Das bedeutet, dass ich jederzeit wieder gehen muss, dass ich nicht mit Sicherheit in der Schweiz bleiben kann. Aber wohin sollte ich denn gehen mit den drei Söhnen?» Viele Schutzsuchende leiden in diesem Provisorium an Depressionen, werden apathisch und ziehen sich aus der Gesellschaft zurück. Nicht so Joséphine Niyikiza: «Die Kinder gaben mir Kraft, sie sollten eine gute Zukunft haben. So sagte ich mir, jetzt erst recht; ich tue alles, damit wir hier in der Schweiz bleiben können.»

Wenn vorläufig Aufgenommenen der Einstieg ins Schweizer Wirtschaftsleben gelingt, steckt in den meisten Fällen ein Netzwerk tatkräftiger, solidarischer Einheimischer dahinter. Die Unterstützung der Zivilbevölkerung ist beeindruckend vielfältig und sie ist vor allem massgeblich für eine erfolgreiche Arbeitsintegration. Hilfsbereite Nachbarinnen hüten die Kinder während des Deutschkurses, ehemalige Lehrer erteilen Sprachunterricht, Vereinsmitglieder laden zu kulturellen und sportlichen Anlässen ein, kirchlich Engagierte verhelfen zu neuen Begegnungen. Grosszügige finanzieren einen Deutschkurs, ein ÖV-Abonnement, den Musikunterricht für die Kinder oder laden die Flüchtlingsfamilien ins Ferienhaus in die Schweizer Berge ein. Aber auch aufmerksame Gemeindeangestellte, Ärztinnen und Therapeuten und natürlich die Mitarbeitenden von Hilfswerken räumen dank ihrem ausserordentlichen Engagement viele Steine aus dem Weg zur beruflichen Integration.

Ohne gute Feen und Helfer geht es nicht

Bei Joséphine Niyikiza war es die Therapeutin, die sie ermunterte, dort anzuknüpfen, wo sie bereits Fachwissen hatte: im Gesundheitsbereich. Auf ihren Rat hin meldete sie sich beim Schweizerischen Roten Kreuz für den Lehrgang Pflegehelferin an, besuchte die kostenlose Berufsberatung und erfuhr dort von der Ausbildung zur Pflegefachfrau Gesundheit. «Ohne ihre finanzielle und moralische Unterstützung, wäre ich wohl kaum dort, wo ich heute bin. Und das gilt für viele sehr hilfsbereite gute Feen und Helfer hier in der Schweiz», sagt Joséphine Niyikiza dankbar. Ein Praktikum im Pflegebereich, eine Voraussetzung für die Ausbildung zur Pflegefachfrau, fand sie dank guter Referenzen und Tipps von Ortsansässigen. Diese wiederum kannten Joséphine Niyikiza, weil sie sich selber in den Vereinen, in der Schule, in der Kirche, einfach bei jeder Gelegenheit freiwillig engagierte und damit auch exponierte – nicht jede und jeder kann das. Aber solche Beziehungsnetze sind das Schmiermittel, das Öl für den nächsten Schritt: «Beziehungen und die Sprache sind das Allerwichtigste. Es lohnt sich, sich freiwillig dort einzusetzen, wo man lebt. Der Verdienst ist nicht das Geld sondern das Beziehungsnetz.» Und als sie ihre Ausbildung im St. Galler Berufs- und Weiterbildungszentrum für Gesundheits- und Sozialberufe bereits begonnen hatte, erhielt sie nach sieben Jahren im Juli 2011 schliesslich die Aufenthaltsbewilligung B aus humanitären Gründen.

Joséphine Niyikizas Erfahrungen als vorläufig Aufgenommene sind repräsentativ für die meisten Menschen mit diesem Status: Wer die Kraft hat, sich selber zu engagieren, kann sich ein Beziehungsnetz aufbauen. Wer dazu das Glück hat, in einem wohlwollenden Umfeld zu leben, wird häufig von solidarischen Zivilistinnen und Zivilisten auch finanziell für die berufliche Integration unterstützt. Ist die Aus- oder Weiterbildung dann erfolgreich abgeschlossen, braucht es immer noch jenen Arbeitsgeber, der bereit ist, auch eine vorläufig Aufgenommene anzustellen.