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«Integration ist erfolgreich, wenn alle Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz die gleichen Chancen haben und diese nutzen»

Adrian Gerber, Leiter der Abteilung Integration beim Bundesamt für Migration (BFM), erklärt im Interview, was es für eine erfolgreiche Integration benötigt, welche Rolle dabei die Flüchtlingstage spielen und mit welchen Herausforderungen sich die Schweizer Asylpolitik konfrontiert sieht.


SFH: Wann kann von einer erfolgreich beendeten Integration eines Flüchtlings gesprochen we
rden?

Adrian Gerber: Für jede Migrantin und jeden Migranten geht es primär einmal darum, in der neuen Heimat – also der Schweiz – anzukommen. Jeder Mensch verfolgt dabei eigene Ziele, beispielsweise eine Ausbildung abzuschliessen, eine Arbeit zu finden, die Gründung einer Familie, die eigene Familie aus dem Herkunftsland in die Schweiz nachkommen zu lassen oder einen Freundeskreis in der Schweiz aufzubauen. Integration ist daher ein dynamischer Prozess sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Integration ist in diesem Sinne nie abgeschlossen.

Aus der gesellschaftlichen Perspektive gesehen ist Integration dann erfolgreich, wenn alle Bewohnerinnen und Bewohner in der Schweiz – unabhängig von ihrer Herkunft – die gleichen Chancen haben und diese auch nutzen. Das bedeutet: Ausländerinnen und Ausländer erreichen vergleichbare Werte wie Schweizerinnen und Schweizer in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, beim Zugang zum Gesundheitswesen, in der sozialen Sicherheit und so weiter.

SFH: Welches sind mögliche Faktoren, die eine solche Integration begünstigen oder erschweren?

Adrian Gerber: In einen Integrationsprozess ist nicht nur die ausländische Bevölkerung einbezogen; es braucht auch die Schweizerinnen und Schweizer dazu, insbesondere ihre Offenheit.

Für die ausländische Bevölkerung ist es zentral, dass sie die Landessprache erlernen und für den eigenen Lebensunterhalt selbständig sorgen können. Gute Voraussetzungen sind eigene Talente und Kompetenzen, idealerweise kombiniert mit einer Ausbildung. Damit die Integration erfolgreich wird, müssen Migrantinnen und Migranten ihrerseits flexibel auf die neuen Lebensumstände reagieren können, sie sollten motiviert und neugierig sein und mutig bleiben.

Leider sind diese Faktoren nicht bei allen Migrantinnen und Migranten gegeben - ganz besonders anspruchsvoll ist die Situation bei Flüchtlingen. So ist nur ein Fünftel der Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter tatsächlich erwerbstätig und Arbeitgeber sind oft unwissend in Bezug auf die arbeitsrechtlichen Voraussetzungen. Erschwerend kommt hinzu, dass Flüchtlinge oft von traumatischen Fluchterfahrungen oder körperlich und seelisch belastenden Erinnerungen an vergangene Erlebnisse verfolgt werden. Anerkannte Flüchtlinge haben somit in verschiedener Hinsicht erschwerte Voraussetzungen für die Integration. Es ist deshalb wichtig und sinnvoll, wenn der Staat Unterstützung bietet und geeignete Voraussetzungen schafft. 

SFH: Welches sind die Aufgaben und Ziele der Schweizer Migrationspolitik?

Adrian Gerber: Zu den wichtigsten Aufgaben und Zielen der Migrationspolitik gehört es, den bedürftigen Bevölkerungsgruppen Schutz zu bieten – zusätzlich zählt die Förderung von Wohlstand und gesellschaftlichem Zusammenhalt sowie die Wahrung der Landessicherheit zu den Top-Prioritäten. Die Migrationspolitik in der Schweiz ist dann erfolgreich, wenn es gelingt, eine Balance innerhalb der zentralen Werte Solidarität, Wohlstand und Sicherheit zu finden und die Potenziale der Migrationsbevölkerung sinnvoll zu nutzen. Dies gelingt nicht immer problemlos, denn im Interesse sowohl der schweizerischen als auch der ausländischen Bevölkerung müssen Zuwanderung und Integration stets aufeinander abgestimmt werden. Eine wichtige Rolle dabei spielen die Prinzipien der Integrationspolitik von Bund, Kantonen und Gemeinden, welche der Integrationsförderung zugrunde liegen: Chancengleichheit verwirklichen, Potenziale nutzen, Vielfalt berücksichtigen, Eigenverantwortung einfordern. 

SFH: Leisten die Flüchtlingstage einen Beitrag dazu, diese Ziele besser erreichen zu können?

Adrian Gerber: Auf jeden Fall. In unserer Gesellschaft gibt es immer noch zahlreiche Missverständnisse und auch Misstrauen gegenüber Flüchtlingen. Der Flüchtlingstag bietet die Gelegenheit, anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen zu begegnen, mit ihnen Spass zu haben, zu diskutieren und sich so auf die oben angesprochenen Grundsätze zu besinnen.

Die aktuelle, vom BFM mitunterstützte Sensibilisierungskampagne zu den Flüchtlingstagen, hat zum Ziel, das Image von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen in der Öffentlichkeit zu verbessern und somit deren berufliche und soziale Integration zu fördern.

SFH: Welche neuen Herausforderungen werden sich der Schweizer Asylpolitik in Zukunft stellen?

Adrian Gerber: Die Gründe, weshalb Menschen ihre Heimat verlassen und in der Schweiz ein neues Leben aufbauen möchten, sind sehr unterschiedlich. Die Schweizer Asylpolitik orientiert sich an den Grundsätzen der Genfer Flüchtlingskonvention. Dieser zufolge erhält Asyl, wer in seinem Heimatstaat nach den völkerrechtlich anerkannten Kriterien bedroht oder verfolgt wird. Aufgabe des Asylverfahrens ist es, unter den neu eintreffenden Asylsuchenden jene anzuerkennen, die nach den beschriebenen Kriterien Anspruch auf Schutz haben. Viele Asylsuchende sind jedoch weder Flüchtlinge noch Kriegsvertriebene. Sie suchen in der Schweiz einen besseren Platz zum Leben.

Die Herausforderungen der Schweizer Asylpolitik sind es, die entsprechenden Entscheide möglichst rasch zu treffen. Die Menschen, die in der Schweiz bleiben dürfen, müssen mit Informationen versorgt werden; sie benötigen Perspektiven und Hilfestellung, um in der Schweiz Fuss zu fassen und ein Heimatgefühl aufzubauen.

Diejenigen mit einem negativen Asylentscheid sollen über diesen rasch informiert und über Möglichkeiten der Ausreise sowie allfälliger Rückkehrhilfen ins Bild gesetzt werden.

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