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«Die Unwissenheit über Flüchtlinge ist in der Schweiz gross»

Im Interview erläutert Anja Suter, Kommunikationsverantwortliche des Forum für die Integration von Migrantinnen und Migranten Schweiz (FIMM), welche Rolle die Medien für die Wahrnehmung der Flüchtlinge in der Bevölkerung spielen und weshalb es für den Abbau von Vorurteilen wichtig ist, dass der Wissensstand der Schweizerinnen und Schweizer betreffend der Flüchtlingssituation erhöht wird.


SFH: Die Schweiz ist ein Land mit einer humanitären Tradition. Wie kommt es, dass in der Bevölkerung dennoch zahlreiche Vorurteile gegenüber Asylsuchenden und anerkannten Flüchtlingen bestehen? 

Anja Suter: Ich sehe vor allem drei Gründe, die jedoch nicht voneinander zu trennen sind. Zum einen liegt das an einem grossen Defizit, was das Wissen über Flüchtlinge respektive Migrantinnen und Migranten und deren Leben in der Schweiz anbelangt. Vorurteile entstehen stets durch Desinformation.

Diese Desinformation wird zweitens von rechten Kreisen absichtlich genutzt, um gegen Migrantinnen und Migranten Stimmung zu machen. Bevorzugte Themen sind dabei Arbeitsplätze und Sozialwerke: Migrantinnen und Migranten würden Schweizerinnen und Schweizern die Arbeitsplätze streitig machen und die Sozialwerke aushöhlen – so die Argumentationsweise, die leider gerade zu Krisenzeiten viele Leute anspricht. Dabei ist klar: Alleine die Arbeitgebenden entscheiden, wen sie zu welchem Lohn anstellen – Lohndumping ist also ein von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern verursachtes Problem, doch ist es stets einfacher nach unten, als nach oben zu treten. Bezüglich der Sozialwerke ist auch längst erwiesen: In der Schweiz arbeitende Migrantinnen und Migranten zahlen weit mehr in die AHV oder die IV ein, als dass sie diese Einrichtungen beanspruchen.

Als dritten Grund sehe ich die stetig schwindende Solidarität, ein Thema, das nicht nur die Schweiz betrifft. Unterstützt von der neoliberalen Wirtschaftslogik, die sich seit den 1980er-Jahren auch in der Schweiz durchsetzte, wird bei jeder sozialen oder politischen Frage die «Eigenverantwortung» beschworen: «Du bist für dich selber verantwortlich – was deinen Job, Deine finanzielle Situation und deine Gesundheit betrifft.» Diese antisolidarische Stimmung bekommen Flüchtlinge und Asylsuchende letztlich besonders hart zu spüren. Dank der oben erwähnten Stimmungsmache stehen alle Migrantinnen und Migranten gleich unter Generalverdacht: «Die kommen doch bloss alle hierher, um auf unsere Kosten ein schönes Leben zu haben.»

Aus diesen Gründen ist es eines der Kernanliegen des FIMM Schweiz, Vorurteilen gegenüber allen Migrantinnen und Migranten in der Schweiz durch eine offene Informations- und Kommunikationspolitik entgegenzuwirken.

SFH: Stimmt es, dass viele in der Schweiz Asylsuchende wirtschaftliche Flüchtlinge sind?

Anja Suter: Ich halte nicht viel von dieser Kategorisierung. Ob jemand aus einer ökonomischen, militärischen oder sozialen Notlage heraus sein Zuhause verlässt, um ihre oder seine Existenz zu sichern, macht keinen Unterschied. Ich finde die unterschiedliche Kategorisierung sogar gefährlich: Indirekt dient sie nämlich dazu, alle Leute, die nach Sicherheit, Schutz oder Hilfe suchen in «echte» oder «falsche» Flüchtlinge aufzuteilen und gegeneinander auszuspielen. Wer sagt denn, dass ein Mann, der aufgrund mehrfacher Gewalterfahrung durch Familien- oder Gemeinschaftsmitglieder nicht ebenso an Leib und Leben gefährdet ist, wie ein Mann, der einem Bürgerkrieg entflieht? Wer sagt, dass das Leben einer jungen Frau, die trotz 18 Stunden Arbeit am Tag sich und möglicherweise auch noch ihre Geschwister oder Eltern finanziell nicht durchbringen kann, nicht ebenso an Leib und Leben gefährdet ist, wie eine Frau, die politisch verfolgt wird?

SFH: Besteht in der Wahrnehmung der Bevölkerung ein Unterschied betreffend Herkunftsland der Asylsuchenden? Respektive sind Flüchtlinge unabhängig von ihrem Herkunftsland gleichermassen von Vorurteilen betroffen?

Anja Suter: Nein. Das unterliegt jeweils einer bestimmten Dynamik, zu der die Medien einen grossen Teil beitragen. Das sehen wir am Beispiel der Berichte über die tunesischen Flüchtlinge: Zuerst wurden die Leute in Tunesien als Heldinnen und Helden bejubelt, weil sie ihr Leben auf der Strasse riskierten und einen Despoten aus dem Amt jagten. Dass derselbe Despot zuvor ungestört Jahrzehnte lang sein Geld auf Schweizer Konten lagern konnte und dies hierzulande nur wenig Kritik provozierte, ist ein anderes Kapitel.

Nach dem Jubel über den Mut und den Erfolg der Tunesierinnen und Tunesier folgte das «Bashing»: Obwohl nun alle wussten, wie schwierig es für viele Leute in Tunesien ist, sich finanziell über Wasser zu halten, und dass die Armut im wahrsten Sinne auch zu Toten führen kann, wollten hier die wenigsten verstehen, dass auch Leute aus Tunesien nach Europa flüchteten, um ein besseres Leben zu suchen. Plötzlich waren die Leute also nicht mehr nur «dort», sondern auch «hier» – und der Jubel war verstummt.

SFH: Wenn ich selber Vorurteile gegenüber Flüchtlingen habe (möglicherweise gerade gegenüber Menschen aus spezifischen Ländern) – was kann ich unternehmen, um diese abzubauen oder zu relativieren?

Anja Suter: Sich fragen, worin genau das Problem liegt – denn meist liegt dieses an einem bestimmten Umstand, wofür nicht eine ganze Gruppe von Leuten in «Sippenhaft» genommen werden kann.

SFH: Wissen ist Verstehen: Wird in der Schweiz genug unternommen, um den Wissensstand der Bevölkerung im Bereich Flüchtlingswesen zu erhöhen?

Anja Suter: Nein. Die Unwissenheit hierzulande ist gross. Das zeigt sich nur schon darin, dass die wenigsten wirklich eine Ahnung haben, was die Begrifflichkeit betrifft: Was ist ein anerkannter Flüchtling? Was eine vorläufig aufgenommene Person? Was eine Asylsuchende, ein Sans-Papiers, eine Abgewiesene? Der Umstand, dass das (relativ junge) Asylgesetz nun schon zum neunten Mal verschärft werden soll, trägt zu dieser Unkenntnis bei – die Definition, was nun genau ein Flüchtling, was eine Asylberechtigte ist, wird laufend eingeschränkt.

Besonders auffallend und richtiggehend peinlich finde ich, dass sich die wenigsten Medien wirklich Mühe geben. So schreiben oder sprechen viele Journalistinnen und Journalisten (meist ohne direkte Absicht) gerne von «Asylanten» – und reproduzieren somit ein von rechtsextremen Kreisen geschaffenes Schimpfwort.

Hinzu kommt, dass die Leute in Europa stets das Gefühl haben, «ihr» Kontinent sei die Anlaufstelle Nummer eins von Flüchtlingen – das ist kompletter Unsinn. Um nur ein Beispiel zu nennen: Gemäss UNHCR verliess eine Million Menschen Libyen während des jüngsten Krieges, bloss 20‘000 von ihnen kamen nach Europa.

Weltweit finden mehr als die Hälfte der Migrantinnen und Migranten, die – aus welchem Grund auch immer – ihr Zuhause verlassen müssen, ihr Zielland auf demselben Kontinent, oft auch in einem Nachbarstaat ihres Herkunftslandes. Europa ist folglich ein Kontinent unter vielen, auf dem Leute ein lebenswertes Leben suchen. Dass sie das auch in Europa suchen ist nichts als logisch: Europa sucht sich seine Produktionsstätten ja schliesslich auch in den «billigeren» Ländern ausserhalb. Über diese Form der «Migration» wird hierzulande dann wieder weit weniger gesprochen. Und auch darüber, dass Europa im 19. Jahrhundert selber ein «Ausreise-Kontinent» war, hört man heute fast nichts.

SFH: Wenn ich mich als Privatperson für eine bessere Integration von Flüchtlingen engagieren möchte, was kann ich tun?

Anja Suter: Informiere Dich und Dein Umfeld so gut als möglich über die Situation von Flüchtlingen und Asylsuchenden in der Schweiz sowie über die Situation in ihrem Herkunftsland. Und zwar am besten direkt über die Leute selber oder über Solidaritätsnetzwerke, NGOs, Zeitungen, Blogs und so weiter.

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